Der Kirchengemeinde geht‘s finanziell schlecht

Eine Fotomontage, die aufrütteln will: Mit diesem Motiv vom Stadtzentrum mit einem weißen Fleck anstelle der Jesus-Christus-Kirche wird seitens der Evangelischen Kirchengemeinde auf das immer drängendere Finanzproblem aufmerksam gemacht.

MEINERZHAGEN ▪ Eine Fotomontage will aufrütteln und zum Nachdenken anregen: Ein Luftbild vom Meinerzhagener Stadtzentrum – mit einem weißen Fleck an der Stelle, wo seit dem 13. Jahrhundert die altehrwürdige Jesus-Christus-Kirche buchstäblich den Ortsmittelpunkt darstellt. Warum dieser weiße Fleck?

„Wie sähe unsere Gemeinde ohne Kirchen aus?“ lautet die Bildunterschrift zum Artikel in der jüngsten Ausgabe der „Gemeindestimme“ der Evangelischen Kirchengemeinde Meinerzhagen. Pastor Friedrich Tometten als amtierender Presbyteriumsvorsitzender hat ihn geschrieben. „Alarmglocken für den Gemeindehaushalt“, lautet die Überschrift. Informiert wird über eine weitere Zuspitzung der Finanzsituation der Gemeinde. Konsequenz könnte schon bald der Abschied von einigen lieb gewordenen, aber nicht mehr zu finanzierenden Einrichtungen sein.

Auslöser für das „Schrillen der Alarmglocken“ ist eine Mitteilung des Kreiskirchenamtes, die den Presbyteriumsvorsitzenden zum Jahresbeginn erreichte und in der es heißt, dass „unsere Gemeinde – trotz überaus gewissenhafter Haushaltsführung – wegen weiterer Kostensteigerungen in diesem Jahr vermutlich sämtliche Rücklagen aufzehren wird“, schreibt Tometten. Und weiter: „Das heißt, dass wir höchstwahrscheinlich in diesem Jahr ein Haushaltssicherungskonzept erstellen müssen, um die finanzielle Handlungsfähigkeit unserer Gemeinde zurück zu gewinnen.“ Was der weltlichen Gemeinde, also der Stadt Meinerzhagen, mit einem großen Kraftakt vermutlich 2010 noch erspart bleibt, ist für die größte kirchliche Gemeinschaft vor Ort nun offenbar zur unabänderlichen Tatsache geworden.

Eine Zäsur steht bevor. Tometten: „Dazu muss alles auf den Prüfstand: Kirchen, Gemeindehäuser, Kindergärten, Pfarrstellen, Kirchenmusik, Jugendarbeit, ganze Arbeitsbereiche wie etwa unsere vielfältigen diakonischen Tätigkeiten.“ Dass dies „kein Sandkastenspiel“ mehr ist, belegt Tometten auch unter Hinweis auf andernorts schon erfolgte Einschnitte vor dem gleichen Hintergrund: „Die Evangelischen Kirchengemeinde Valbert hat bereits im Jahr 2004 ihre Kirche in Hunswinkel verkauft. In Kierspe wurde eine Pfarrstelle gestrichen und ein Gemeindehaus verkauft. In Altena wurde eine Kirche abgerissen.“

Solch einschneidende Maßnahmen konnten in Meinerzhagen bislang vermieden werden. Aber auch die Aufgabe des Kindergartens in Willertshagen vor Jahren geschah letztlich auch schon mit Blick auch auf die absehbar schwindenden finanziellen Ressourcen der Kirchengemeinde.

Gründe für die trotz aller bisherigen Sparmaßnahmen und auch der Einwerbung von Spenden und Sponsoring sich weiter verschlechternde Finanzlage sind vor allem diese: „Die Steuerreformen und die Wirtschaftskrise führen zu einem erheblichen Kirchensteuerrückgang. Außerdem wird unsere Gemeinde durch den Bevölkerungsrückgang Jahr um Jahr kleiner. Im Jahr 2008 beispielsweise verstarben 94 unserer Gemeindemitglieder, aber nur 43 Kinder und Erwachsene wurden getauft“, informiert der Presbyteriumsvorsitzende und zeigt auf: „In finanzieller Hinsicht bedeutet dies, dass unsere Gemeinde im laufenden Jahr fünf Prozent weniger an Kirchensteuerzuweisungen als noch vor zwei Jahren erhalten wird. Dem stehen Personalkostensteigerungen im öffentlichen Dienst und Zahlungen von jährlich zusätzlich 12 000 Euro an die Kasse für die Alterversorgung der Pfarrerinnen und Pfarrer sowie deutlich gestiegene Energiekosten gegenüber. Auch belasten durch Landesgesetze veränderte Abrechnungsmodalitäten für die Kindergärten den Haushalt zusätzlich.“

Die Lage ist ernst – und es muss gehandelt werden, mahnt Tometten. Man habe jede einzelne Position des Haushalts der Kirchengemeinde überprüft und „gekürzt, wo noch zu kürzen war. Trotzdem werden wir unseren ‚Sparstrumpf‘, der jetzt noch mit 25 000 ‚Euro gefüllt ist, vermutlich bis zum letzten Euro leeren müssen, wenn wir jetzt nicht deutlich gegensteuern.“

Es sind unangenehme „Hausaufgaben“ zu erledigen. Dazu Tometten in der „Gemeindestimme“: „Wir werden um Einschnitte nicht herumkommen. Diese verantwortlich zu planen, wird die Aufgabe des Presbyteriums, unserer Gemeindeleitung, in diesem Jahr sein. Dabei möchten wir an der lebendigen Vielfalt unserer Gottesdienste, unseren Angeboten für alle Altersgruppen, den Kindergärten, dem engagierten diakonischen Einsatz für Menschen in unserer Stadt und an unseren Angeboten persönlicher Begleitung auf dem Lebensweg festhalten. Aber es bewegt uns die Frage, ob wir dafür zum Beispiel alle Gebäude, so wie wir sie jetzt nutzen, benötigen? Ob es Doppelstrukturen gibt, die vermieden werden können? Wo wären Konzentrationen möglich, ohne Wesentliches zu verlieren?“

Eine Möglichkeit, neben der Ausgabenkürzung auch durch zusätzliche Einnahmen gegenzusteuern, sieht die Kirchengemeinde in einer weiteren Aktivierung des sogenannten „Freiwilligen Kirchgeldes“. Vor vier Jahren wurde diese Aktion in Meinerzhagen ins Leben gerufen. An ihr beteiligen sich bisher etwa 200 der Gemeindemitglieder, die keine Kirchensteuern (mehr) zahlen oder zusätzlich noch etwas spenden möchten. Sie überweisen regelmäßig einen frei bestimmten Betrag zur Finanzierung der laufenden Aufgaben der Gemeinde, auf Wunsch aber auch speziell für die Jugendarbeit, die Arbeit der Kindergärten oder für die Kirchenmusik bestimmt. Über 100 000 Euro konnten so bislang  vereinnahmt werden, allein 25 000 im vergangenen Jahr. Tometten: „Erneut möchten wir darum werben, sich an dieser Aktion zu beteiligen. Schon mit 10 Euro, 20 Euro oder mehr regelmäßig im Monat gibt dies unserer Gemeinde ein stabileres Fundament.“ Informationen gibt es bei den Pfarrern und im Gemeindebüro Kirchstraße 17, Telefon (0 23 54) 5001.

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