Kinder brauchen unseren Schutz

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Die Polizeibeamtin Petra Reinwald (links) und Carmen Kowski, die zurzeit im Kindergarten Hochstraße den Präventionskursus „Mut tut gut“ leitet, informierten die Eltern am Mittwochabend im evangelischen Gemeindehaus über den Schutz vor sexualisierter Gewalt. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Sexueller Missbrauch an Kinder geschieht täglich. Das zeigte die Polizeibeamtin Petra Reinwald vom Kommissariat Vorbeugung bei einem Vortrag zum Thema anschaulich mit einer Unmenge von Zeitungsartikeln.

Als kleine Meldungen findet man sie nahezu jeden Tag in der Zeitung. Die Dunkelziffer ist groß. Es wird vermutet, dass auf jeden angezeigten Fall zehn weitere kommen, die in der Statistik nicht erfasst werden. Der Überfalltäter ist dabei unterrepräsentiert. Ein Drittel aller Fälle ereignen sich im familiären Bereich. Häufig sind die Täter Personen, „denen man das nie zugetraut hätte“. 80 Prozent der Fälle werden von Männern verübt, 20 Prozent von Frauen.

Der Förderkreis des Kindergartens an der Hochstraße hatte die Polizeibeamtin zu diesem Vortrag ins evangelische Gemeindehaus eingeladen. Er sollte die Eltern parallel zum Präventionskursus „Mut tut gut“, der zur Zeit im Kindergarten für die Schulanfänger stattfindet, darüber zu informieren, wie sie ihr Kind vor sexualisierter Gewalt schützen können. Denn der beste Schutz werde durch eine Erziehunghaltung erreicht, die kontinuierlich vorgelebt wird und die darauf ausgerichtet ist, die Persönlichkeit der Kinder zu stärken, machte die Beamtin klar. Wichtigste Voraussetzung ist dabei, mit dem Kindern im Gespräch zu bleiben und ihnen zuzuhören, sie mit ihren Gefühlen und Wahrnehmungen ernst zu nehmen, ihre Rechte und Kompetenzen zu stärken und ihnen ihre körperliche und sexuelle Selbstbestimmung zuzugestehen.

Dazu gehöre beispielsweise auch, sie vor den „Wohlwollensattacken“ von Verwandten zu schützen, etwa wenn ein Kind dazu aufgefordert werde, der Oma oder einem anderen Verwandten oder Bekannten ein Küsschen zu geben. Die Selbstwahrnehmung und die Gefühle der Kinder sollten auch in diesem Fall nicht bagatellisiert werden. Ein altersgemäße Sexualaufklärung und eine bejahende und positive Einstellung zur Sexualität seien weitere Voraussetzungen dafür, dass Kinder ihr Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper und ihre Sexualität ausüben könnten. Umfangreiches Informationsmaterial dazu finden Eltern auf der Internetseite der Bundeszentrale für Gesundheitsvorbeugung, http://www.sexulalaufklärung.de. Nur wenn Kinder ihren Körper kennen und ein positives Gefühl zu ihm entwickelt hätten, seien sie in der Lage zu erkennen, wann Grenzen überschritten würden, wann es Zeit sei „Nein“ zu sagen.

Häufig nutzen die Täter ein Vertrauensverhältnis zu den Kindern für ihre Tat aus. Sie kennen ihre Bedürfnisse, schenken ihnen Aufmerksamkeit und Zeit. Kindliche Neugier trifft auf erwachsene Zielgerichtetheit, die sich der Manipulation bedient. Das Motiv ist letztlich die Erfahrung von Überlegenheit, Macht und die Ausübung von Gewalt. „Es kann keine Einvernehmlichkeit geben,“ machte Petra Reinwald klar.

Nach der Tat werden die Kinder zu Geheimnisträgern, Komplizen gemacht, mit Drohungen in Angst versetzt und zum Schweigen genötigt. Aus Schuldgefühlen, der Angst vor den Reaktionen der Eltern oder aber um diese zu schützen gehen die Kinder auf diese Forderungen ein, was die Entdeckung des Verbrechens, das sich in der Normalität versteckt, schwierig macht. Missbrauchte Kinder brauchten einen solidarischen und loyalen Ansprechpartner, keinen „Besserwisser“ oder jemanden, der sie in eine Richtung dränge, betonte Petra Reinwald, die vor übereilten Reaktionen warnte. Eltern sollten sich in einem solchen Falle zunächst selbst professionelle Hilfe suchen. Denn letztlich sei die unverfälschte Erinnerung der Kinder häufig der einzige Beweis für die Straftat.

Mögliche Gefahrensituationen sollten im Elternhaus besprochen, spielerisch erarbeitet und gelöst werden. Fehlinformationen und Halbwahrheiten könnten Kindern Angst machen und ihr Selbstbewusstsein schwächen. Verängstigte, unwissende, abhängige und angepasste Kinder hätten wenig Möglichkeiten sich gegen sexuelle Gewalt zu wehren.

Schulwege und Wege in der Freizeit sollten mit den Eltern festgelegt und abgegangen, Geschäfte oder Anlaufadressen eingeplant werden. Die Kinder sollten zur Pünktlichkeit angehalten und ermutigt werden, in Gefahrensituationen gezielt Erwachsene anzusprechen und Hilfe einzufordern. Es sollte ihnen vermittelt werden, dass sie sich kein Auskunftsgespräch aufdrängen lassen müssen und dass sie, wenn möglich, dabei mindestens zwei bis drei Meter Sicherheitsabstand einhalten. Spielerisch kann gelernt werden, sich Farbe und Kennzeichen von Autos einzuprägen. Annäherungsversuche oder Angebote sollte mit der klaren Aussage: „Stopp, lassen Sie mich in Ruhe!“ begegnet werden, oder sie sollten durch lautes schreien, wehren oder weglaufen zu Plätzen mit den drei L, Leute, Lärm und Licht, öffentlich gemacht werden. Besonders wichtig ist ein möglichst frühes Auswendiglernen der Adresse und wichtiger Telefonnummern. Auch Telefonieren sollte geübt werden. Ferner sollte eine Positivliste erstellt werden, in der die einzigen Personen benannt sind, mit denen ein Kind ohne Genehmigung der Eltern mitgehen oder -fahren darf. ▪ luka

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