Von Kierspe auf die Bundesliga-Trainerbank

Ein Kiersper im Profifußball: Roger Schmidt trainiert den Zweitligisten SC Paderborn

KIERSPE - Trainer bei einem Verein der 1. oder 2. Fußball-Bundesliga – dieser Job zählt schon allein deshalb zu den bundesweit meist begehrten, weil es ihn nur 36 Mal gibt.

 Einer von denen, die es auf den Chefsessel eines der 36 Elite-Klubs geschafft haben, ist ein Kiersper: Der heute 44-jährige Roger Schmidt wurde in der Volmestadt geboren, ist dort zur Schule gegangen, hat das Fußball-ABC einst beim Kiersper SC erlernt und ist seit diesem Sommer Trainer des Zweitligisten SC Paderborn 07.

Den „klassischen“ Werdegang eines Übungsleiters im Profifußball, sprich: Lizenzspieler-Laufbahn mit anschließendem Einstieg ins Trainergeschäft, hat Roger Schmidt freilich nicht durchlaufen. Im Trikot von Rot-Weiß Lüdenscheid sammelte er als „Jungspund“ erste Erfahrungen in der Oberliga, die seinerzeit der direkte Unterbau der zweithöchsten deutschen Spielklasse war. Zwei Senioren-Jahren bei RWL folgte ein dreijähriges Engagement beim TuS Plettenberg in der Landesliga, ehe Roger Schmidt 1990 an der Universität Paderborn ein Maschinenbau-Studium aufnahm. Seine neue fußballerische Heimat wurde der TuS Paderborn-Neuhaus – und der offensive Mittelfeldspieler avancierte für 13 Jahre zum festen Inventar der höchsten Amateurklasse. In der Ober- und später in der neu gegründeten Regionalliga kickte der Kiersper insgesamt sechs Jahre für den TuS, der sich 1997 in SC Paderborn 07 umbenannte, sowie sieben für den SC Verl.

Parallel zu seiner Fußball-Karriere trieb Roger Schmidt seine berufliche Laufbahn voran, schloss sein Studium ab und erhielt beim Paderborner Großunternehmen Benteler eine Anstellung als Ingenieur. Ins Trainergeschäft stieg er schließlich im Sommer 2004 ein und führte den Delbrücker SC von der Verbands- in die Oberliga. „Eine schöne Zeit“, blickt Schmidt auch heute noch gern auf seine ersten drei Jahre als Coach zurück. Doch fast wären diese drei Jahre gleichzeitig auch schon seine letzten in der Position des Trainers gewesen. „2007 wollte ich eigentlich mit dem Fußball aufhören“, erzählt der 44-Jährige im MZ-Gespräch. Aber als ihm ein Angebot des Traditionsklubs SC Preußen Münster auf den Tisch flatterte, war der Lockruf des Fußballs letztlich größer: Schmidt kündigte und wurde beim einstigen Bundesliga-Gründungsmitglied hauptamtlicher Trainer.

Leicht ging ihm die Entscheidung gegen den sicheren „zivilen“ Beruf und für das oft nur allzu kurzlebige Geschäft als Profi-Coach allerdings nicht von der Hand: „Ich habe mich schon ein wenig dazu durchgerungen“, bekennt Roger Schmidt. Bereuen musste er den Schritt jedoch nicht: Gleich in seiner ersten Saison stieg er mit Preußen Münster in die Regionalliga auf. Als die Grün-Schwarzen 2009/10 dann die angepeilte 3. Liga verpassten, war Schmidt zwar seinen Job los, nutzte die unfreiwillige freie Zeit jedoch dazu, seinen Fußball-Lehrer zu bauen – die Lizenz, die der DFB für eine Trainertätigkeit in den Bundesligen vorschreibt. Und ein solches Engagement ergab sich schneller, als Schmidt vielleicht selbst gedacht hatte: Im Sommer 2011 wechselte André Schubert, Coach des SC Paderborn 07, zum FC St. Pauli, und bei der Suche nach einem Nachfolger erinnerte sich Roger Schmidts inzwischen in der 2. Bundesliga beheimateter Ex-Klub an seinen früheren Spieler.

Offenbar eine Kombination, die passt: Schmidt und die Paderborner haben mit dem prognostizierten Abstiegskampf im Moment nichts zu tun und beeindruckten kürzlich mit einem 4:0-Auswärtssieg beim VfL Bochum. Der Fußball, den der Trainer dem SCP verordnet hat, ist möglichst auf Angriff ausgelegt. „Schließlich war ich selbst ein Offensivspieler“, sagt er und sieht Defensivarbeit daher auch als ein Mittel zum Zweck: „Wir versuchen, selbst Tore zu schießen und nicht nur zu verhindern.“

Seitdem Roger Schmidt dort auf der Bank sitzt, findet der SC Paderborn logischerweise auch in Kierspe verstärkte Beachtung. Beim „Poahlbürger“ schwingt schon so etwas wie Stolz mit, wenn er an der Theke erzählt: „Mensch, habt ihr die Paderborner im Fernsehen gesehen...?“ Was Schmidt selbst angeht, so hat er zwar längst in Ostwestfalen-Lippe Wurzeln geschlagen, der Kontakt in die alte Heimat ist aber nie abgerissen: „Schließlich wohnen mein Vater und zwei meiner Brüder dort.“ Einen sportlichen Bezug gibt’s natürlich längst nicht mehr – den Landesligisten KSC und den Profifußball trennen nun einmal Welten. Doch wenn der SC Paderborn einen Sieg landet, gewinnt stets auch der eine oder andere Weggefährte Schmidts von früher im Geiste mit.

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