Kassenbons: Zum "Schwachsinn" verpflichtet

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Halten rein gar nichts von der Bonpflicht: Kiosk-Betreiber Ralf und Monika Gerstel.

Meinerzhagen - „Nicht registrierte Bargeldumsätze“ – damit soll (muss) seit dem 1. Januar 2020 Schluss sein. Seitdem müssen auch Einzelhändler für alle Waren, die tagaus tagein über ihre Theken gehen, Kassenbons ausdrucken und ihren Kunden an die Hand geben.

„Schwachsinn“, meint nicht nur Simone Schulte vom Lottolädchen an der Mühlenbergstraße. 

Bonbons für zehn Cent, eine Fotokopie für 20 Cent, Kugelschreiber für „kleines Geld“ – wer bei Simone Schulte zur Tür hereinkommt, hat eher selten ganz große Geschäfte zu tätigen. „Ich würde diese Bon-Pflicht am liebsten nicht mitmachen“, sagt die Mitinhaberin des Geschäftes. Der Sinn des neuen Gesetzes verschließt sich ihr auch deshalb, „weil jeder Finanzbeamte, der uns kontrollieren möchte, das jetzt schon kann“. Erst vor relativ kurzer Zeit habe man das Kassensystem umgestellt. „Der Kontrolleur vom Finanzamt kann einfach seine Chipkarte in die Kasse hineinstecken und unsere Daten auslesen. Und auch bei Waren-Rücknahmen können wir jederzeit Bons ausdrucken. Das geht auch bei jedem Verkauf, doch dort hatte ich die Bon-Funktion bislang deaktiviert“, erklärt Simone Schulte. Sie hat bisher festgestellt: „Die Kunden gehen hinaus und schmeißen den Bon sofort weg. Was für eine Verschwendung. Und das in Zeiten, in denen das Thema Umweltschutz in jedermanns Mund ist.“

Umsätze sollen dem Finanzamt nicht mehr so leicht verschwiegen werden können wie früher. Geld am Fiskus vorbei schleusen – damit soll Schluss sein. Kann Detlef Schmidt von der gleichnamigen Bäckerei in Valbert diese Begründung für die Einführung des verpflichtenden Kassenbons nachvollziehen? Nicht so ganz: „Die meisten Kunden, nach unseren Erfahrungen so um die 70 Prozent, lassen ihren Bon doch liegen.“ Und auch der Bäcker verweist darauf, dass „das Finanzamt“ seine Kassen ohnehin schon auslesen könne. „Wir mussten deshalb vor etwa zwei Jahren für 10 000 Euro drei neue Kassen kaufen. Und jetzt kommt auch das mit den Bons noch dazu. Nur für das Finanzamt.“ 

Ein Thermoducker, beschichtetes Bon-Papier und ein vielfaches an Ausdrucken. Auch aus Umweltgesichtspunkten hält Detlef Schmidt das neue Gesetz – ebenso wie Simone Schulte – für Schwachsinn. „Der Müllberg wird wachsen. Früher reichte bei mir eine Kiste Bonrollen fast ein Jahr. Jetzt werde ich damit nicht einmal mehr zwei Monate auskommen“, hat Schmidt ausgerechnet. Er macht die Politik für den „Schlamassel“ verantwortlich: „Die beschließen solche Sachen und bewegen sich selbst doch fernab jeglicher Realität.“

Monika Gerstel betreibt zusammen mit ihrem Mann Ralf den gleichnamigen Kiosk an der Derschlager Straße. Und auch sie findet deutliche Worte für die Bon-Pflicht: „Für uns eine Katastrophe, Schwachsinn.“ Die Geschäftsfrau nennt ein Beispiel: „Oft kommen Kinder zu uns, die für zehn Cent einen Kaugummi kaufen. Die müssen dann einen Bon bekommen.“ Und dann würden die kleinen Kunden feststellen, dass sie noch Geld übrig haben – und ein Kratzeis „hinterher“ kaufen. „Das macht dann noch einen Bon. Unverständlich, dass sich Politiker so etwas ausdenken“, findet Monika Gerstel. 

Bislang konnte die Kiosk-Betreiberin nach eigener Aussage noch keinen einzigen Bon an den Mann oder die Frau bringen. „Die wollen den alle nicht haben“, hat sie festgestellt. Weil sie die Kassenzettel aber ausdrucken muss, hat Monika Gerstel schon erhebliche Mehrkosten einkalkuliert. „Die möchten wir aber nicht an unsere Kunden weitergeben, obwohl diese Thermorollen wirklich nicht billig sind.“

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