Begeistertes Publikum in der Stadthalle

Kabarettist Jochen Malmsheimer zeigt Spiel mit Sprache auf höchstem Niveau

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Mit einem dicken gehaltvollen Buch bestieg Jochen Malmsheimer die Bühne der Stadthalle. Trotz Lesung hätte der Vortrag kaum lebendiger sein können.

Meinerzhagen - Einen grandiosen Spaziergang durch die Abgründe, Labyrinthe und Fallstricke der deutschen Sprache erlebte das Publikum am Samstagabend in der Stadthalle. Dem Kulturverein Kuk war es tatsächlich gelungen, einen Meister dieses Genres zu verpflichten: Jochen Malmsheimer.

Bevor sich der Gast auf eine abenteuerliche und ziemlich durchgeknallte Busreise gen Italien machte, hieß er die Handys schweigen: „Auch die genussspendenden Vibrationen bitte ich auszumachen.“

Immerhin galt es, ein Untier zu bändigen: „die vieläugige Bestie Publikum“ mit ihrem störenden Wunsch nach Anerkennung für den Meister. „Sie müssen nicht jedesmal klatschen, wenn Sie etwas verstanden haben. Das dauert mir zu lange.“

Ungeduld – das passte zu einem Programm, das als freier Vortrag unmöglich gewesen wäre. Mit einem dicken Konvolut von Papieren trat allerdings auch ein Darstellungskünstler vor sein Publikum, der jederzeit vergessen machte, dass ein Text ihn unterstützte. Und dann ging es mitten hinein in einen atemberaubenden Beweis, dass Reisetagebücher nicht „die langweiligste Textgattung“ sein müssen.

Im Kern erzählte sein phantastisches Ich von einer Busreise nach Venedig – ein Alptraum für einen „perforierten Ehemann, der noch nicht beige genug ist“ für eine solche Reise. Zwischen „merkwürdig fremd anmutenden Lebensformen“ nimmt die Wahrnehmung einen radikalen Perspektivwechsel vor: „Draußen dreht jemand den Globus unter dem Bus.“

Der Rest ist ein vielstimmig geschildertes entsetzliches Leiden, dessen Delirium schließlich in einer phantasmagorischen Begegnung mit großen Gestalten der Welt- und Literaturgeschichte mündet: Jochen Malmsheimer bringt Luther und Long John Silver, Robin Hood und Siegfried, Artus und Sherlock Holmes ins Gespräch, bevor er sich selber in den Dogen Leonardo Loredan verwandelt.

Immer ist der Vortrag gespickt von Abschweifungen und kreativem Miss- und Besserverstehen. Ein Sprachspiel und Spiel mit Sprache auf höchstem Niveau. Wer darüber lacht, beweist die Wendigkeit seiner Gedanken und mit einem schönen alten Wort: Bildung. In einem grandiosen Appell hielt Jochen Malmsheimer schließlich „das Gute, Schöne und Wahre“ hoch – gegen „Rassismus, Gefühllosigkeit und Ignoranz“.

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