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Jürgen Wiebicke empfiehlt einen reiferen Umgang mit dem Tod

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Von: Thomas Krumm

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Jürgen Wiebicke war auf Einladung von KuK in Meinerzhagen für eine Lesung zu Gast.
Jürgen Wiebicke war auf Einladung von KuK in Meinerzhagen für eine Lesung zu Gast. © Krumm, Thomas

Jürgen Wiebickes Stimme ist im WDR-Hörfunk stets die eines im besten Sinne verständnisvollen Gesprächspartners, der auf der Grundlage aufmerksamen Zuhörens seine prägnanten und zielführenden Fragen stellt. Am Dienstag hatte das Publikum in der Stadthalle Meinerzhagen Gelegenheit, den Menschen Jürgen Wiebicke kennenzulernen. Es war ein sehr persönliches Thema, das er jüngst in seinem Buch ausgebreitet hat. Der Titel: „Sieben Heringe - Meine Mutter, das Schweigen der Kriegskinder und das Sprechen vor dem Sterben“. Wie können wir mit dem Tod umgehen, und wie erreichen wir jene, für die letzte Gespräche vor dem Lebensende immens wichtig sind? Jürgen Wiebicke nutzte die Zeit, als sich das Lebensende seiner eigenen Eltern ankündigte, für intensive lebensgeschichtliche Gespräche.

Meinerzhagen – „Ich hatte zwei Mal das Glück, erst bei meinem Vater, dann bei meiner Mutter, dass beide sprechen wollten.“ Aus diesen Gesprächen entstand das Buch mit dem Ziel den Lesern zu zeigen, „wie man die Wirklichkeit verändern kann durch das Sprechen“.

Gespräche zwischen Kindern und Eltern

Gespräche zwischen Kindern der Baby-Boomer-Generation und ihren Eltern stehen dabei unter besonderen Voraussetzungen: Er sei nur 17 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft geboren, erklärte Jürgen Wiebicke und packte den „Rucksack“ aus, den die Baby-Boomer lebenslang mit sich herumschleppen mussten: „Das ist eine Generation, die aus dem Dreck der Nazizeit heraus sozialisiert wurde.“ Einen zeitlichen „Fliegenschiss“ nach der Terrorherrschaft seien „Sie und ich“ in eine Zeit hineingeboren worden, in der „eine ganze Gesellschaft seelisch kaputt war“.

Verdrängung macht Überleben möglich

Was konnte die Traumata heilen, unter denen die Eltern der Nachkriegsgeneration nach ihren schrecklichen Kriegserlebnissen litten? Jürgen Wiebicke hatte Verständnis dafür, dass die Kriegsgeneration zunächst nicht über das Erlebte sprechen wollte: „Verdrängung macht das Überleben erstmal möglich.“ Doch davon waren die schrecklichen Bilder von Tod und Gewalt nicht verschwunden: „Alle, die nicht gesprochen haben, haben das trotzdem in ihrer Seele gehabt.“ Und sie haben es unbewusst und unaufgearbeitet an die Nachkriegsgeneration weitergegeben. An diesem Punkt begann der Dialog der beiden Generationen, der durchaus Gemeinsamkeiten mit seelsorgerlichen und psychotherapeutischen Verfahren hatte. Allerdings ohne das Machtgefälle zwischen den Beteiligten. Das quälende Verdrängte konnte plötzlich gesagt werden. Beide Elternteile wollten von sich aus sprechen: „Weißt du, was ich dir noch erzählen wollte?“, zitierte Jürgen Wiebicke eine typische Begrüßung seiner Mutter. Diese Gespräche hätten alle Beteiligten verwandelt: „Wir sind immer fröhlich auseinandergegangen.“ Und er empfahl einen reiferen und nicht verdrängenden Umgang mit dem Tod: „Manchmal denke ich, wir haben einen Knall, wie wir uns dem Tod gegenüber verhalten.“

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