Zum 40. "Geburtstag" der Stadtbücherei gab's eine Lesung

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Jürgen Becker war im Rahmen einer Lesung am Freitagabend zu Gast in der Stadtbücherei. Die Moderation hatte Terry Albrecht (links) übernommen. 

Meinerzhagen - Beim Namen Jürgen Becker werden viele an den Kabarettisten denken, doch es gibt auch den Schriftsteller Jürgen Becker.

Geboren 1932 in Köln, von 1939 bis 1947 aufgewachsen in Thüringen, nach drei Jahren in Waldbröl 1950 zurückgekehrt nach Köln. „Ende der 50er Jahre begann er zu schreiben und wollte freier Schriftsteller werden“, schilderte Moderator Terry Albrecht Jürgen Beckers mutigen Entschluss zu einer wirtschaftlich zunächst unsicheren Existenzform. Doch es kamen andere Aufgaben hinzu: als Mitarbeiter des WDR, im Rowohlt- und Suhrkamp-Verlag und 1974 bis 1993 als Leiter der Hörspielabteilung des Deutschlandfunks.

In der Stadtbücherei, die mit dieser vom Kulturverein KuK organisierten Lesung ihren 40. Geburtstag feierte, ging es jedoch um den Schriftsteller: Vorsichtig tastete sich Terry Albrecht an dessen „radikale Absage an die Literatur und das konventionelle Schreiben“ heran: Jürgen Beckers Lyrik werde „experimentell genannt“. Der nahm den Ball auf und verdeutlichte den Kern seiner Poetik: „Mein Verhältnis zur Literatur ist zwiespältig.“ Einerseits lese er sehr gerne, andererseits sei es ihm tatsächlich darum gegangen, „den Konventionen im literarischen Schreiben zu entgehen“.

Es gehe darum, für Erfahrungen, Beobachtungen und Wirklichkeit eine neue Sprache zu finden: „Man muss so tun, als würde man noch mal anfangen, Landschaft, Wirklichkeit, eine Stadt zu schildern – das sinnlich Erfahrbare in Wörter zu verwandeln.“ Sehr deutlich wurde, warum Jürgen Becker nur ausnahmsweise, nach der Erfahrung der deutschen Wiedervereinigung, zum Erzähler wurde: „Ich bin kein Romancier, ich habe nichts zu erzählen.“ Und noch deutlicher: „Ich bin kein Romanhandlungs-Architekt, der vorab eine Handlung entwirft. Am Ende weiß ich, was ich habe schreiben wollen.“ 

In diesem Prozess der Verwandlung von momentanen Dingen und Ereignissen in Sprache habe er sich „fast wie ein Medium“ verstanden. „Was auf mich einstürmt, verwandele ich und gebe es wieder von mir.“ Diese Konzentration auf den Augenblick mit all seinen zufälligen Koinzidenzen hat Folgen für die Texte, die aus dieser Haltung heraus entstehen: Jürgen Becker benannte diese als „ein Textkontinuum, das aus lauter Brüchen, aus lauter Gleichzeitigkeiten besteht“. Er beantworte dabei die Frage: „Was geschieht alles in diesem Moment?“ Das allerdings sei nicht gleichbedeutend mit der Beschränkung auf die Gegenwart, denn auch Erinnerungen, Rückblicke und Erwartungen seien Teil des Augenblicks. 

Jürgen Becker machte das am Beispiel des Leseabends in der Bücherei deutlich: „Dieser Abend in Meinerzhagen hat eine Vorgeschichte. Jeder hat seine eigene Geschichte. Der Augenblick, den wir erleben, geht auf in einer Vielzahl von Geschichten. Es ist ein Augenblick voll von Dingen, die in einem Augenblick passieren.“ 

Das Stichwort „Erinnerung“ nahm Jürgen Becker zum Anlass für einige lebensgeschichtliche Schilderungen, die ihren Widerhall auch in den von ihm gelesenen Texten fanden: Diese steckten voller Realien wie „Teigwaren“, „Hülsenfrüchte“, „Steckrübenwinter“. Doch es fanden sich auch kleine prägnante Zusammenfassungen gigantischer Katastrophen: „Für Arbeit und Brot wählten die Deutschen den Hitler.“

Vom Weltkrieg ging es in die Nachkriegszeit und ganz andere Wirklichkeiten: Touropa-Züge, Rimini, Zonengrenze. Nicht immer war der sehr dichte Assoziationszusammenhang beim Vortrag sogleich in seiner Gänze erfassbar. Doch Jürgen Becker signierte noch gerne jene seiner Bücher, die in die Hände der Besucher übergingen, um diesem Mangel durch eigenes Lesen abzuhelfen.

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