Wibke Bruhns: Mittendrin und ganz nah dran

Wibke Bruhns las vor einem interessierten Publikum aus ihrem Buch „Nachrichtenzeit – Meine unfertigen Erinnerungen“.

MEINERZHAGEN ▪ Sie war die erste Nachrichtensprecherin im deutschen Fernsehen. Als „Stern“-Journalistin kannte sie die maßgeblichen Akteure der Bonner Republik. Wibke Bruhns war immer mittendrin und ganz nah dran. Am Montagabend war sie auf Einladung von KuK (Verein für Kommunikation und Kultur) in Meinerzhagen zu Gast, um aus ihrem Buch „Nachrichtenzeit – Meine unfertigen Erinnerungen“ zu lesen.

Mehr als 110 interessierte Besucherinnen und Besucher konnte der 1. Vorsitzende Fritz Schmid im Ratssaal des Rathauses begrüßen. Wibke Bruhns begann die Lesung mit dem Kapitel ihres Buches, das sich mit ihrer Zeit als Nachrichtensprecherin beschäftigt.

Darin berichtet sie, wie das damals vor sich ging, wie die Zuschauer darauf reagierten, eine Frau als Nachrichtensprecherin vor die Kamera zu sehen. „Eine öffentlich-rechtliche Frivolität“, denn dieses Genre war ja bisher immer nur Männern vorbehalten.

Sie beschreibt anschaulich wie sie zu diesem Job gekommen ist, wie die Anfangsjahre beim ZDF ausgesehen haben und wie die Situation in den Redaktionen war. „Für die Feministinnen mutierte ich zur Vorkämpferin“, sagte Wibke Bruhns. „Aber es war der langweiligste Job“. Bald reichte es ihr nicht mehr, nur vorgefertigte Texte vorzulesen.

Sie erzählt von ihrer Begegnung mit Günter Gras, berichtet über ihre Erfahrungen in der Geburtsstunde der Bürgerinitiativen und vom Wahlkampf 1972, der zwar friedlich verlief, wo aber verbal die Fetzen flogen.

Ihre Begegnung mit Willy Brandt und seine Wirkung auf jeden einzelnen Zuhörer sowie der Rücktritt aufgrund der Guillaume-Affaire und ihre Ansicht über den damaligen Verfassungsschutz nahmen einen breiten Raum der Lesung ein.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer erfuhren von den Tricks der Boulevard-Presse und deren Anstrengungen, sie zur Konkubine von Willy Brand zu erklären. Danach liest sie ein Kapitel aus der Zeit, die sie als Korrespondentin des „Sterns“ in Israel verbrachte. Anschaulich schilderte Wibke Bruhns die Zustände in der Stadt während des Osterfestes. „Wenn wir vom nahen Osten reden, reden wir immer von den Juden und den Moslem, für die Christen haben wir keinen Nerv“, sagte die Autorin. „Die Christen verschwinden in der Wahrnehmung. Ostern in Jerusalem heißt 32 Konfessionen“.

Sie beschreibt anschaulich ihre Eindrücke über die Menschen der unterschiedlichen Religionen und stellt fest, dass keine Kirche prachtvoll ist.

Viele Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer beschäftigen sich nach der rund einstündigen Lesung mit der heutigen politischen Lage, der Energiewende, der Geldpolitik, die Angst macht und die Politikverdrossenheit unterstützt. Darauf allerdings bleibt Wibke Bruhns eine konkrete Antwort schuldig. „Es ist mir zu diffus – was hatten wir damals für schöne Skandale: Der Tod von Rainer Barschel und die Situation in Schleswig-Holstein zum Beispiel.

Nur auf die Frage, ob sie sich eine Lösung der Situation in Israel vorstellen könne, hat Wibke Bruhns eine Antwort parat: „Die ist nicht lösbar, denn keine der Parteien ist an einem Frieden wirklich interessiert“. ▪ bel

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