Vor 50 Jahren kamen die ersten Türken

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Ahmet Özer, „der erste Türke in Meinerzhagen“, mit heute 84 Jahren vor einer Sammlung von Familienfotos im Wohzimmer seines deutschen Zuhauses in Listerhammer. J

MEINERZHAGEN ▪ Die Geschichte klingt abenteuerlich und ist filmreif. Ein in einem kleinen Dorf im türkisch-russischen Grenzgebiet geborener Türke muss im Zweiten Weltkrieg erst auf russischer Seite als Soldat gegen die Deutschen kämpfen. Er gerät in deutsche Gefangenschaft, fällt im Lager wegen seines handwerklichen Geschicks auf, wird prompt in eine Wehrmachtsuniform gesteckt und strandet beim Rückzug schließlich mit einem Panzer am Tannenbaum in Kierspe.

Kamil Kucuk, von seinen neuen deutschen Freunden „Franz“ genannt, bleibt, wird im Sauerland heimisch, findet Arbeit bei der Firma Carl August Wirth, heiratet eine deutsche Frau. Für seine Familie in der Türkei gilt er lange Jahre als verschollen. Ein junger Mann aus seinem Heimatdorf, selbst schon 1954 nach Wuppertal gekommen, sucht ihn im Auftrag der Verwandten, findet ihn schließlich in Kierspe und wird selbst hier heimisch. Der jetzt 84-jährige Ahmet Özer lebt seit 1964 in Listerhammer bei Meinerzhagen – und ist damit einer der ersten Türken, die in der Volmestadt eine neue Bleibe fanden. Gastarbeiter der ersten Generation – „heute hier zuhause“, wie der Senior, der seit drei Jahren auch ganz offiziell deutscher Staatsbürger und stolz darauf ist, bemerkt.

Der verlorene Sohn aus dem Heimatdorf, den Ahmet Özer im Sauerland aufspürte, ist längst tot. Auch seine Frau lebt nicht mehr. Aber die Erinnerung an ihn ist immer noch lebendig, wenn der freundliche Mann mit den lebendigen Augen ins Erzählen kommt und über seine ersten Jahre in „Almanya“ berichtet.

„Ich habe eigentlich nie Probleme mit den Deutschen gehabt“, stellt er klar. Seine Frau pflichtet bei: „Ihn konnten sie alle immer gut leiden – die Arbeitskollegen, die Vorgesetzten und die Nachbarn“. Frau Özer ist – auch das eine Parallele zum Leben des einstigen Freundes aus dem Schwarzmeerdorf, der ihren Mann ins Sauerland führte – eine Deutsche. Waltraud Bräucker stammt aus Gevelsberg. Kennengelernt haben sich die beiden 1964 in Kierspe. Sie waren Nachbarn, lebten in Vorderste und Hinterste Berg nur einige hundert Meter voneinander entfernt. Die beiden wurden ein Paar, ein Jahr später kam Sohn Thomas auf die Welt.

Der gelernte Dreher fand bei der Firma Gebrüder Windfuhr in Listerhammer an der Landstraße zwischen Meinerzhagen und Valbert erst einen neuen Arbeitsplatz – und dann direkt neben der Fabrik auch eine Wohnung für sich und seine junge Familie. Und das war zur damaligen Zeit, als in Meinerzhagen wegen der aufstrebenden Industrie und des großen Zustroms von Menschen Wohnraum noch Mangelware war, so etwas wie ein Sechser im Lotto.

Dass eine Ehe zwischen einer Deutschen und einem Türken alles andere als normal war in jener Zeit, das erfuhr vor allem Waltraud Bräucker. „Dass das nicht gut gehen werde, habe ich ungefragt immer wieder von allen möglichen Leuten gehört.“ Selbst der Anwalt, der sie in einer Familienangelegenheit vertrat, warnte eindringlich. Als sehr wohltuend haben beide dann die sehr freundliche Behandlung durch den Standesbeamten im Meinerzhagener Rathaus empfunden, für den es damals übrigens die erste deutsch-türkische Trauung war. Das ist den Özers auch nach mittlerweile weit mehr als 50 gemeinsamen Ehejahren noch in besonderer Erinnerung geblieben.

1961, also vor genau 50 Jahren, kamen die ersten türkischen Gastarbeiter ganz offiziell und auf Einladung der Bundesrepublik nach Deutschland. Ein halbes Jahrhundert nach der Unterzeichnung des „Abkommens zur Anwerbung türkischer Arbeitnehmer“ ziehen in diesem Jahr Türken und Deutsche Bilanz. Eine Reihe von Gedenkveranstaltungen erinnert an den Beginn der Migration, deren Auswirkungen in beiden Ländern bis heute hochpolitische Themen sind.

Exakt am morgigen Sonntag wird die türkische Einwanderung nach Deutschland 50 Jahre alt. Als diese Vereinbarung 1961 getroffen wurde, ahnte man noch nicht, welche historischen Folgen sie zeitigen würde und dass sie der Auftakt zu einer engen menschlichen und wirtschaftlichen Verflechtung zwischen der Türkei und Deutschland sein würde, die ihresgleichen in der Geschichte sucht.

Heute leben rund fünf Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland, gibt es rund 70 000 türkische Unternehmer. Das heutige Gesicht Deutschlands wäre ohne die türkeistämmigen Menschen, die seit den 1960er Jahren verstärkt nach Deutschland kamen und ihre Heimat bei uns gefunden haben, ein anderes. Diese Menschen haben mit dazu beigetragen, Deutschland pluralistischer und weltoffener zu machen.

Das gilt auch für Meinerzhagen. Nach der jüngsten Einwohnerstatistik leben hier aktuell 1029 Türken und 355 sogenannte Doppelstaatler.

Von Horst vom Hofe

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