Eine Zukunft ohne Uniform

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Nach mehr als 44 Jahren im Polizeidienst wechselt der Meinerzhagener Polizeichef Michael Stumpe nun den Ruhestand. Langeweile wird er als Pensionär nicht haben.

Meinerzhagen - Es war ein Montag, an dem Michael Stumpe seinen Dienst bei der Polizei antrat. Das war der 3. Oktober des Jahres 1973. Am 31. Dezember 2017, mehr als 44 Jahre später, wird Stumpe seine Uniform nun in den Schrank hängen. Der 61 Jahre alte gebürtige Plettenberger ist Leiter der Polizeiwache Meinerzhagen und er macht einem Jüngeren Platz.

MZ-Redakteur Jürgen Beil sprach mit dem in Herscheid wohnenden „Vier-Sterne-Hauptkommissar“ über mehr als vier Jahrzehnte Dienst, von denen Michael Stumpe die letzten elf Jahre als Polizeichef von Meinerzhagen und Kierspe tätig war.

Was hat Sie am Polizeiberuf so fasziniert, dass sie bereits als 16-Jähriger diese Laufbahn eingeschlagen haben? 

Michael Stumpe: Das waren und sind Dinge, die ich im Ruhestand auch vermissen werde: Die Zusammenarbeit mit den Kollegen und der Kontakt zur Bevölkerung zum Beispiel. Ich war immer ein Mann der Straße und eigentlich kein Büromensch. 25 Jahre lang habe ich deshalb auch im Wach- und Wechseldienst gearbeitet. Mein erstes Ziel war es darüber hinaus immer, Unfallschwerpunkte zu entschärfen, wie den an der Landstraße 539 nach Valbert. Das haben wir intensiv beackert und ich glaube, dass wir hier in Meinerzhagen auch in Zusammenarbeit mit der Stadt einiges bewegt haben. Meinerzhagen war übrigens auch meine Wunschwache, als ich 2006 hierhin gewechselt bin. Davor war ich seit 1992 Dienstgruppenleiter in der Polizeiwache Lüdenscheid. 

Sie haben im Dienst viel gesehen. Sind darunter Eindrücke, die man nie vergisst?

Stumpe: Natürlich. Immer dann, wenn Menschen ihr Leben verloren haben, war das der Fall. Meinen ersten Toten habe ich als junger Polizist gesehen. Das war ein Mann, der sich in Wuppertal erhängt hatte. Das traf meinen Kollegen und mich völlig unvorbereitet. So etwas kann man nicht vergessen. Wir waren gerade in einer Bäckerei Brötchen kaufen, als die Verkäuferin uns sagte, wir sollten mal nachsehen, da sei ,etwas passiert‘. Und dann haben wir im Keller den Mann entdeckt… Aber auch schreckliche Unfälle sind mir in Erinnerung. So wie der in Breddershaus, bei dem vor Jahren drei junge Leute starben. Ich habe auch Wasserleichen gesehen und einen Mann, der in seinem Auto verbrannt ist. Danach braucht man neben den polizeilichen Betreuungsteams auch einen gefestigten Kollegenkreis, mit dem man das aufarbeiten kann. Ganz wichtig war für mich dabei die Familie. Da hatte ich immer großen Rückhalt bei meiner Frau Hiltrud. Wir sind seit 40 Jahren verheiratet und durch mich ist sie auch fast schon zur Polizistin geworden. Aber es gab auch schöne Ereignisse während des Dienstes. Einmal haben wir ein vermisstes Kind wiedergefunden. Eine Hubschrauberbesatzung hat es in Kierspe entdeckt. 

Geht der Respekt vor der Uniform in Deutschland zurück, haben es Polizisten heute schwerer als vor Jahrzehnten? 

Stumpe: Mit der Moral ist es sicherlich im Laufe der Zeit nicht besser geworden. Reizbarkeit und Gewaltbereitschaft haben definitiv zugenommen. Das fängt schon mit bestimmten Gesten oder Beleidigungen an, die es nicht nur im Straßenverkehr häufiger gibt. Ja, es hat sich was geändert. Und das ist für mich auch ein gesellschaftliches Problem. Ob Polizei, Feuerwehr, Bahn oder Rotes Kreuz – der Respekt vor der Uniform ist ein ganzes Stück weit verloren gegangen. Das macht unseren Job natürlich nicht einfacher. Polizisten schieben einen Berg an Überstunden vor sich her, es gibt zu wenig Personal. 

Sehen Sie die Politik hier auf einem guten Weg? 

Stumpe: Es ist richtig, dass der Personalmangel auch vor Meinerzhagen nicht Halt gemacht hat. Aber es gibt ja Absichtserklärungen, dass mehr Polizisten eingestellt werden sollen. Man muss sich allerdings immer vor Augen führten, dass das, was jetzt versprochen wird, erst in drei oder vier Jahren greifen kann. So lange dauert es, bis neuer Nachwuchs ausgebildet ist und eingesetzt werden kann. Aber ich bin überzeugt, dass es die Wache in Meinerzhagen trotz dieser Probleme immer geben wird, mitsamt Kripo und Verkehrskommissariat. Meinerzhagen und Kierspe sind einfach so groß, dass die Wache unbedingt benötigt wird. Früher blieb der Dorfpolizist ein Leben lang am selben Ort. 

Heute ist die Fluktuation in den Wachen groß. Ist Letzteres ein Problem? 

Stumpe: Es stimmt schon, dass das Personal häufig wechselt. Auch in Meinerzhagen. Wir reden da über drei bis fünf Kollegen im Jahr. Oft finde ich das sehr schade. Man hat die jungen Leute ausgebildet und zu fertigen Schutzleuten gemacht. Dass die dann aber in andere Wachen, oft näher an ihrem Wohnort, gehen, kann ich in vielen Fällen verstehen. Die jungen Menschen wollen sich weiterentwickeln und Karriere machen – und dazu muss man häufiger den Dienstort wechseln. Bei sehr vielen finde ich das sehr schade. 

44 Jahre Polizeidienst, auf was freuen sie sich danach?

Stumpe: Ausschlafen können, den Druck abschütteln und nicht mehr fremdbestimmt sein. Das ist sicherlich schön. Aber generell scheide ich mit einem lachendem und einem weinenden Auge. Ich habe meinen Job gern gemacht. Ich habe drei Enkel und mit dem ältesten baue ich als Pensionär eine Modelleisenbahn auf. Mit meinen beiden Söhnen werde ich angeln gehen. E-Bike-Fahren und Haus und Garten in Herscheid – das sind weitere Hobbys.

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