Interesse an Geschichten, die längst Geschichte sind

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Die alten Bände, in denen die Meinerzhagener Zeitung seit dem Erscheinungsjahr 1911 gebunden wird, sind ein regelrechter Steinbruch für Stefanie Schildchen, aus dem sie schon ungezählte lokale Geschichten zu Tage fördert hat. 

MEINERZHAGEN - Es ist ein Geruch aus altem Buchbinderleim, sich zersetzendem Papier und Staub – und damit auch ein klein wenig der Hauch der Geschichte, der die Besucher des wohl unansehnlichsten Raumes im Gebäude der Meinerzhagener Zeitung umgibt.

Untapezierte Wände, eine nüchterne Decke und kaltes Neonlicht, dazu das monotone Surren eines Serverschrankes und Stahlschränke, in denen die Ausgaben der 100-jährigen MZ-Geschichte lagern. Doch von all dem nimmt Stefanie Schildchen nichts wahr, wenn sie in diesem Raum ist. Für sie ist es „eine Schatzkammer der Geschichte“ und das „Gedächtnis der Region“ – auf jeden Fall ist es aber der Ort, an dem sie Woche für Woche stöbert, um die alten Geschichten aus Meinerzhagen und Kierspe ans Tageslicht zu befördern. Mühsam abgetippt und oft mit Fotos aus der eigenen Sammlung versehen, erscheinen diese dann in der MZ, um so auch den Leser mit auf eine kleine Zeitreise zu nehmen. Hinaus aus einer hektischen, oft digitalisierten Welt und hinein in eine Zeit, in der das Wetter noch über Missernten und damit den bescheidenen Wohlstand der Menschen im Sauerland entschied.

Angefangen hatte alles für die heute 48-Jährige mit der eigenen Heimatlosigkeit. Geboren im Ruhrgebiet und aufgewachsen in Lüdenscheid kam sie Anfang der 1990er Jahre nach Meinerzhagen, wo sie im Grunde keinen Menschen kannte. „Um neue Menschen kennzulernen, bin ich dann in den Heimatverein gegangen. Bei dem ersten Besuch, saßen damals fünf Leute zusammen und planten das Stadtfest. Da wurde ich gleich für den Standdienst eingeteilt“, erinnert sich Schildchen.

Damit war zwar das Interesse an der Geschichte geweckt, doch zur Leidenschaft wurde diese erst später. Über einen Nebenjob kam Schildchen 1996 zur Meinerzhagener Zeitung – die damals noch in erster Linie mit Schwarz-Weiß-Fotos gedruckt wurde. Und diese gefielen ihr damals schon besser als die Farbfotos. Von ihrem Vater hatte sie eine komplette Kameraausrüstung samt Labor geerbt. Da lag es nahe, nicht nur Texte für die MZ zu setzen, sondern selbst Bilder zu machen. Schon nach den ersten Terminen, die Schildchen besuchte, war klar, dass daraus mehr werden konnte. Schnell merkte die Jung-Journalistin, dass die Menschen ihr gerne erzählten, vor allem von früher.

Eines Tages bekam sie bei einem dieser Gespräche eine alte Postkarte mit einer Meinerzhagener Stadtansicht geschenkt. „Das war wie ein Rätsel. Ich wollte herausfinden, von welcher Position aus der Fotograf gearbeitet hatte. Ich verglich das Dargestellte mit dem Stadtbild, wie es sich heute zeigt“, so Schildchen, die gleich wusste, das wird nicht das letzte historische Foto sein.

In den nächsten Jahren sammelte sie alte Fotos und Karten, wo sie sie finden konnte. Unter anderem kaufte sie auf Flohmärkten und bei Ebay. Und immer dann, wenn eine Postkarte kein Datum trägt, dann erwacht der Spürsinn der Meinerzhagenerin. Dann wird das Baujahr abgebildeter Fahrzeuge geschätzt – aber auch das Abrissdatum von Gebäuden hilft bei der Datierung.

Da ist die Arbeit im Archiv, zumindest was die Datierung angeht, einfacher.

Mit dem Wunsch, eine Serie mit historischen Texten aus der Meinerzhagener Zeitung machen zu dürfen, wandte sie sich vor Jahren an den Redaktionsleiter Horst vom Hofe. Und unter der Bedingung, dass daraus eine regelmäßige Berichterstattung werden solle, begann die Arbeit, die nun bereits seit Jahren die Lektüre der MZ bereichert.

Rechnen tut sich dieser Job allerdings kaum. Das liegt jedoch nicht an schlechter Bezahlung, sondern daran, dass aus den Minuten, die für das geplante Nachschauen eingeplant sind, nicht selten Stunden werden. „Ich finde immer wieder etwas Neues und Interessantes, das mich nicht loslässt“, so Schildchen. Und so wird der etwas muffige Raum mit seinem Leim- und Papiergeruch wohl noch lange einer der Lieblingsorte für die MZ-Mitarbeiterin bleiben – längst aus Liebe zu einer Heimat, die ihr anfangs fremd war, und aus dem Interesse an den unzähligen Geschichten, die vor langer Zeit schon Geschichte wurden.

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