Das waren die 68er in Meinerzhagen

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Als Student (Foto) war Holger Weyland Mitglied der „anarchosyndikalistischen Trotzkisten-Aufbauorganisation“.

Meinerzhagen - „The Times They Are A Changin’“ – Bob Dylan besang das bereits 1964. Vier Jahre später erreichte die „Revolte“ dann auch Westdeutschland. Die Jugend lehnte sich gegen das Establishment auf, stellte die „alte Ordnung“ in Frage. Lehrer, Eltern, Regierungen – gegen alles und jeden, der das System verkörperte, gingen Jugendliche und junge Erwachsene auf die Straße. Auch in Meinerzhagen?

50 Jahre nach dieser aufregenden Zeit erinnert sich Holger Weyland aus Meinerzhagen an „damals“ – und stellt fest: „Hier in Meinerzhagen spielte sich der Kampf gegen das System eher in den Schulen ab. Demos gab es in unserer Stadt nicht.“

Aber klar, er und andere aus dem „harten Kern“ hätten damals eigentlich alles in Frage gestellt. Das, so Weyland, hätten etwa ein Drittel der jungen Leute aus Meinerzhagen so gemacht. „Die anderen waren eher angepasst. Wir jedenfalls ließen uns einfach nichts mehr sagen“, stellt er rückblickend fest. 

„Schulpforta war nicht in unserem Sinne“

Weyland berichtet weiter, dass 1968 in Meinerzhagen eine ganz besondere Situation geherrscht habe: „Die Elite-Einrichtung Schulpforta hatte Auf der Freiheit gerade eröffnet. Das war schon nicht in unserem Sinne. Die Stimmung kippte dann noch mehr, als der damalige Leiter den Spruch von sich gab, dass man in seiner Schule nichts mit dem unteren Drittel der Begabungen zu tun haben wolle. Das war Wasser auf unsere Mühlen.“

Weyland selbst besuchte zunächst ein „sehr streng geführtes“ Internat in Hagen. Fünf Jahre lang habe er dort Erfahrungen gesammelt, die er nie vergessen werde und die für ihn in die damalige Zeit passen: „Da nahmen sich die Lehrer das Recht heraus, Schüler zu schlagen. So nach dem Motto ,wir treiben euch die Mitbestimmung schon aus’. Das mussten auch die beiden ersten Schülervertreter direkt nach ihrer Wahl erfahren...“ 

„Klassenkamerad wurde verhaftet“

Weyland wechselte schließlich ans Evangelische Gymnasium Meinerzhagen. „Auch dort ließen wir uns einfach nichts mehr sagen. Es wurde eben alles hinterfragt. Das Elternhaus, die Schule, das ganze System, die Familie und auch die eigene Person. Und wir haben die Studentenrevolten sehr aufmerksam verfolgt.“

Als der 1948 geborene Meinerzhagener an die Höhere Handelsschule nach Lüdenscheid wechselte („Am Gymnasium war ich zu offensiv“), stellte er in der Bergstadt sofort einen Unterschied zum eher beschaulichen Leben in Meinerzhagen fest: „Dort gab es vor dem Kino regelmäßig Demos gegen den Vietnam-Krieg.

Als Teilnehmer wurde man schnell in die Szene hineingezogen. Ein Klassenkamerad wurde sogar von der Polizei verdroschen und festgenommen.“ Den jungen Mann habe er dann ein halbes Jahr danach in der Tagesschau wiedergesehen. „Er war mittlerweile Führer in der Hare-Krishna-Bewegung und die Polizei hatte bei ihm ein ganzes Waffenlager ausgehoben. Das war sogar Thema in den Nachrichten.“ 

„Einige waren in der RAF gelandet“ 

Mit der besonders aktiven studentischen Szene kam Holger Weyland schließlich an der Uni in Wuppertal in Kontakt. „Da habe ich bekannte 68er wiedergetroffen. Einige von ihnen waren sogar in der RAF (Anm. d. Red.: Rote Armee Fraktion) gelandet. Rudi Dutschke war oft in Wuppertal, auch ihn habe ich dort erlebt. Aber er war eher ein Theoretiker, wir hingegen die Straßenkämpfer. Bezeichnet haben wir uns als Mitglieder der anarchosyndikalistischen Trotzkisten-Aufbauorganisation und unter diesem Namen auch für das Studentenparlament kandidiert. Einer unserer Träume war – auf die Schulen bezogen – ,geh hin, wann du willst, alles ist freiwillig und Noten gibt es nicht’.“

„Lady’s Inn: Ein Meilenstein“

Ein Meilenstein in Meinerzhagen war für Holger Weyland die Eröffnung der Diskothek Lady’s Inn in der „Voss-Mühle“ in Meinerzhagen. Er erinnert sich: „Das muss so im November 1967 gewesen sein. Da traf sich die Szene aus dem ganzen Kreis. Und selbst Elite-Schüler aus der Landesschule kamen dorthin – sehr zum Missfallen ihrer Lehrer. Im Inn wurde nächtelang diskutiert, so wie an den Schulen. In den heimischen Betrieben war hingegen nichts von der 68er-Revolte zu spüren.“

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