Dr. Heiner Geißler bei CDU-Fachtagung in der Stadthalle

Der frühere Bundesfamilienminister und CDU-Generalsekretär Dr. Heiner Geißler sprach bei der Regionalkonferenz in der Stadthalle. Links Professorin Ursula Münch  - Fotos: Schülle

MEINERZHAGEN - An die 100 Mitglieder der CDU folgten am Mittwochabend der Einladung zu einer Regionalkonferenz der nordrhein-westfälischen Christdemokraten in die Meinerzhagener Stadthalle.

Von Petra Schüler

Das Thema des Abends „Welche Zukunft hat Familie?“ wurde durch einen leidenschaftlichen Vortrag des früheren Familienministers (1982 - 1985) und CDU-Generalsekretärs (1977 - 1989) Dr. Heiner Geißler aufgegriffen.

Weitere Denkanstöße und Impulse in Sachen CDU-Familienpolitik und „Stoff“ für Diskussionen gaben die beiden Gastrednerinnen Professor Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing, sowie Dr. Sabine Pokorny, die als Koordinatorin Empirische Sozialforschung in der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung arbeitet.

Geißler habe als Familienminister Vorbildliches geleistet, sprach Armin Laschet, Vorsitzender der CDU in Nordrhein-Westfalen, zu Beginn den Gesinnungswandel in der Familienpolitik der 80er Jahre an. Der für seine polarisierende Wirkung bekannte Geißler setzte damals die Einführung von Erziehungsgeld, Erziehungsurlaub und die Anerkennung von Erziehungsjahren für die Rente durch. Erstmals habe die Politik damit die Leistung der Frauen anerkannt und ihnen eine Rückkehr in den Beruf ermöglicht, erinnerte Geißler.

Laschet, der als Moderator durch den Abend führte, warf zunächst die Frage nach den Gründen für den Geburtenrückgang in Deutschland auf. „Man braucht ein Minimum an sozialer Sicherheit, um eine Familie zu gründen“, gab Geißler zu bedenken. Praktika, befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit oder Mini-Jobs bestimmten heute oft die Biografien junger Leute. „Diese Situation, die fast schon einen Rückfall in den Frühkapitalismus darstellt, ist auf die Verwerfungen der Agenda 2010 zurückzuführen“, wetterte er. 820 000 Leiharbeitsplätze, 7,2 Millionen Minijobs und 7,3 Millionen Beschäftigte im Niedriglohnsektor – so sehe die traurige Realität in Deutschland aus. Durch die Ökonomisierung der Gesellschaft werde der Mensch auf einen Kostenfaktor reduziert. Leidtragende seien vor allem Frauen. Zwei Drittel der Minijobber seien weiblich. Die Hälfte der Menschheit werde beruflich immer noch benachteiligt, schimpfte er. „55,7 Prozent aller Abiturienten sind Frauen, 51 Prozent haben ein abgeschlossenes Studium.“ Dennoch seien sie in Führungspositionen immer noch rar: „Da liegt der Prozentsatz noch nicht mal bei 20 Prozent.“ Man könne sich heute nicht mehr am klassischen Familienbild orientieren, gab er zu bedenken. „Mit einem Arbeitseinkommen kann heute kaum jemand eine Familie ernähren.“ Zudem wollten auch die Frauen ihre beruflichen Pläne verwirklichen. „Wir müssen unsere Politik an einem realen Menschenbild ausrichten“, mahnte der frühere Familienminister seine Parteifreunde. Sein Fazit: „Wir müssen eine ganze Reihe von Maßnahmen ergreifen, um Familien zu entlasten. Auch wenn es etwas kostet.“ Hier seien vor allem Investitionen in die Infrastruktur, in Schulen oder weitere Kita-Plätze gefragt.

Die Standpunkte des früheren Ministers trafen jedoch offenkundig nicht auf ungeteilte Zustimmung, wie das ablehnende Kopfschütteln einiger und eher verhaltener Applaus zeigten. Andere CDU-Mitglieder brachten vor allem beim Thema Gleichberechtigung durch spontanes Klatschen ihre Zustimmung zum Ausdruck. Auch Professorin Münch ging auf den „dramatischen Wandel“ in der Familienpolitik seit Mitte der 80er Jahre ein. „So sehen wir das Elterngeld heute nicht mehr als sozialpolitische Leistung sondern als Lohnersatz“, nannte sie ein Beispiel. Die vergangenen Jahrzehnte hätten gravierende Veränderungen in der Gesellschaft mit sich gebracht. „Heute wäre es fahrlässig, einer jungen Frau zu raten, ihren Beruf wegen einer Schwangerschaft aufzugeben“, erklärte sie.

Änderungen im Unterhaltsrecht und die hohe Zahl der Scheidungen machten offenkundig, dass Frauen heute gut beraten seien, selber für ihre Zukunft und eine gute Rentenabsicherung zu sorgen. Dr. Sabine Pokorny stellte einige Ergebnisse von Umfragen vor, die belegten, dass die Bedeutung von Familie ungebrochen sei. Auch junge Erwachsene wünschten sich zu 80 Prozent eine Familie und Kinder. Wunsch und Realität stimmten in den meisten Fällen nicht überein.

Im Schlusswort erinnerte Laschet daran, dass die CDU immer „das Kunststück vollbracht habe“ Menschen mit unterschiedlichen Positionen in ihren Reihen zu vereinen. „Hätten wir sonst zugleich einen Friedrich Merz und einen Norbert Blüm in der Partei haben können?“ bemerkte er schmunzelnd.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare