G8 in der Kritik: „Schüler haben nur noch Zeitfenster“

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Silke Schön (links) und Christina Först werben für die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit.

Meinerzhagen - Nach acht oder nach neun Jahren am Gymnasium zum Abitur? Diese Frage stellt sich in Nordrhein-Westfalen schon lange nicht mehr: Seit 2005 werden so auch die Fünftklässler am Evangelischen Gymnasium nach dem so genannten G8-Modell unterrichtet, mit dem das Abitur nach insgesamt zwölf Jahren absolviert wird. Doch im gesamten Land regt sich Widerstand in der Elternschaft – und damit auch in Meinerzhagen.

„Die Einführung von G8 hatte rein wirtschaftliche Gründe. Doch dafür wird der Alltag der Schüler immer komplexer, sie haben nur noch Zeitfenster“, beklagt Christina Först die Entwicklung hin zum so genannten Turbo-Abi. Als Mutter und Nachhilfelehrerin weiß sie um die Beanspruchung der Schüler, die immer weniger Zeit für Hobbys hätten. „Das sind durchgetaktete Tage“, sagt sie und hofft nun auf möglichst viele Unterstützer der Volksinitiative für eine Rückkehr zu G9. Damit soll es gelingen, eine geänderte Gesetzesvorlage in den Landtag einzubringen und möglichst das Ende des ungeliebten G8-Modells einzuläuten. Von entscheidender Bedeutung ist für G9-Unterstützer die Rückkehr auf maximal 30 Stunden pro Woche in der Sekundarstufe I. Damit würde der verpflichtende Unterricht wieder maximal sechs Stunden am Tag betragen.

Der Weg dorthin ist jedoch steinig, denn die Zeit ist knapp: Nur noch bis März hat die Initiative Zeit, insgesamt 66 322 Unterschriften zu sammeln. Die Ziellinie ist nah, aber noch nicht erreicht: Bis Donnerstagmorgen fehlten noch 3428 Unterzeichner. Unterstützung in Sachen G9 erhält Christina Först aber unter anderem von Silke Schön: Die Meinerzhagenerin hat bereits knapp 100 Unterschriften in ihrem Umfeld gegen das Turbo-Abi gesammelt – nicht zuletzt, weil sie als Mutter eines Grundschulkindes auch bald vom ständigen Konflikt zwischen Leistungsdruck und elterlicher Fürsorge betroffen sind wird. „Man fragt sich doch: Soll ich das Kind jetzt pushen und ihm vermitteln, dass es jetzt einfach da durch muss, oder habe ich Verständnis für das Bedürfnis nach mehr Freizeit?“ Doch erhalte das Kind bei letzterer Herangehensweise die Quittung durch schlechte Noten.

G9, so viel steht für Först und Schön fest, ist nur ein Symptom des allgemein höheren Leistungsdrucks. Nicht nur an Gymnasien, sondern auch an Grundschulen und anderen weiterführenden Schulen sei eine Komprimierung des Unterrichtsstoffes erkennbar. „Unterrichtsinhalte, die früher erst im fünften Band des Englischbuchs durchgenommen wurden, sind jetzt schon im dritten Band zu finden“, sagt Christina Först, die den Schulen selbst keinen Vorwurf macht: Das Evangelische Gymnasium fühle sich durch die Vorgaben der Landesregierung gebunden.

Mit Schultagen, die vereinzelt erst nach 17 Uhr endeten, mangele es an Zeit „für die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit, sozialer Inhalte und Kompetenzen“, heißt es in einem offiziellen Info-Brief der Volksinitiative „G9 jetzt“. „Wo bleibt etwa noch die Zeit für einen Sportverein?“, fragt Christina Först, die etwa auf das Modell in Hessen verweist, wo sich die Gymnasien immerhin für oder gegen G8 entscheiden können. Dass die Schüler durch G8 früher dem Arbeitsmarkt zufließen, hält sie für einen Irrtum. „Viele machen nach der Schule ein Soziales Jahr oder halten sich im Ausland auf, um diese Zeit vor dem Studium noch einmal für sich zu nutzen.“

Auf dem Weg zum Unterschriftenziel rechnen die G9-Initiatoren nun kurz vor Toreschluss noch auf zahlreiche Unterstützer. „Ich habe bislang noch von niemandem gehört, dass er G8 super findet“, sagt Silke Schön. - zach

Unterschriften für die Volksinitiative „G9 jetzt“ werden am morgigen Freitag sowie am 27. Februar von 9 bis 15 Uhr vor dem Bettenhaus Lienenkämper gesammelt. Mehr Infos unter www.g9-jetzt-nrw.de oder direkt in Meinerzhagen bei Christina Först, Tel. 0 23 54 / 1 41 19 oder 01 77 / 8 63 56 22.

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