Heiligabend ist die Ausnahme

Superintendent Klaus Majoress freut sich, dass die Kirchen an Heiligabend wieder voll sind. - Archivfoto

Meinerzhagen - Heiligabend – auch in der evangelische Kirche mobilisiert dieser Feiertag wieder Tausende. Die Gotteshäuser sind „voll“, zusätzliche Bestuhlung wird nötig. Viele Pfarrer wären froh, wenn auch nur ein Bruchteil dieser Kirchgänger an einem normalen Sonntag begrüßt werden könnte. Doch die Realität sieht anders aus: Oft ist es nur eine Handvoll Besucher, die dann die Kirchbänke „drückt“.

Von Jürgen Beil

Gehen auch der evangelischen Kirche in Zeiten des demografischen Wandels die Gläubigen aus? „Nein“, glaubt Superintendent Klaus Majoress. Der Mann an der Spitze des Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg – zu dem Meinerzhagen gehört – sieht allerdings auch die Veränderungen, denen seine Kirche ausgesetzt ist. Aber er ist froh, dass die Gotteshäuser Heiligabend und an den folgenden Feiertagen so viele Menschen anziehen: „Weihnachten spricht die Religiösität an. Es ist sehr wichtig, dass Heiligabend so viele Menschen kommen. Das hat auch mit einem religiösen Grundempfinden zu tun, das viele haben. Die Pfarrer stecken viel Engagement in die Heiligabend-Gottesdienste. Und das ist keine Show, der Anlass ist einfach sehr wichtig. In anderen Religionen ist das übrigens ähnlich, auch beim Zuckerfest der Moslems sind die Moscheen immer besonders voll.“

Und dennoch: Die Gottesdienste an ganz normalen Sonntagen scheinen – anders als in vergangenen Jahrzehnten – nicht mehr den hohen Stellenwert im Leben gläubiger Christen zu haben. Kirche muss sich also „breiter“ aufstellen. „Das Angebot wird spezifischer. Guten-Abend-Kirche, das Regenbogenland in Valbert oder Biker-Gottesdienste in Haus Nordhelle – wir gehen auf die geänderten Strukturen innerhalb der Bevölkerung ein und das eben auch, weil die Menschen, die sonntags um 9.30 Uhr vor der Kirchtür stehen, immer weniger werden“, erklärt Klaus Majoress. Und Rolf Puschkarsky, Meinerzhagener und Öffentlichkeitsreferent des heimischen Kirchenkreises, ergänzt: „Nicht vergessen werden dürfen in diesem Zusammenhang auch die zahlreichen Schul- und Kindergartengottesdienste, die Gottesdienste im Seniorenheim oder anlässlich von Ehejubiläen.“

Im kommenden Jahr wird es in Meinerzhagen außerdem erstmals das Angebot der „Glaubenskurse“ geben. Damit will die evangelische Kirche besonders junge Erwachsene ansprechen. „Sie finden ab April statt und im Rahmen dieser acht Abende im Gemeindehaus werden Themen wie ,Glaube’ oder ,Taufe’ behandelt. Jeder ist dazu willkommen, auch Bürger, die keiner Kirche angehören“, erklärt Rolf Puschkarsky.

Etwa 89 000 Mitglieder hat der evangelische Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg zurzeit – vor 15 Jahren waren es noch circa 115 000. Bisher wurden an Lenne und Volme im laufenden Jahr 662 Austritte gezählt, dem stehen 107 Aufnahmen gegenüber. Gründe für diesen Schwund sieht Majoress hauptsächlich im finanzielllen Bereich – schließlich sind viele Menschen auf jeden Cent angewiesen.

„Wenn die Generation Ü-50 und -60 nicht mehr da ist, wird sich auch das Gottesdienstverhalten weiter ändern“, glaubt Majoress. Dann, so seine Meinung, seien einige Kirchen nicht mehr zu halten. Dass evangelische Gotteshäuser im Zeitraum der nächsten 15 Jahre geschlossen werden, damit rechnet der Superintendent aber nicht.

Das alles ist Heiligabend ohnehin kein Thema, denn dann wird die Geburt Jesu gefeiert – von Millionen Christen, in voll besetzten Kirchen und das nicht nur in Meinerzhagen.

Die Finanzen der Kirche: Die evangelische Kirche finanziert ihre Arbeit hauptsächlich über die Kirchensteuer. Für das Jahr 2014 beträgt die Höhe dieser Zuweisungen für den Kreis Lüdenscheid-Plettenberg 10 418 400 Euro, im kommenden Jahr wird mit 10 487 920 Euro gerechnet – ein leichter Anstieg.

Finanziert werden damit nicht nur die Pfarrer, sondern beispielsweise auch Jugendarbeit, Diakonie, Beratungsangebote in der Flüchtlings- oder Suchthilfe und die Kitas.

Einnahmen werden auch durch das so genannte „Freiwillige Kirchgeld“ erzielt. Pro Jahr kommen seit 2008 etwa 500 000 Euro im Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg zusammen. Circa 20 000 Euro werden davon an die Meinerzhagener Gemeinde „weitergeleitet“.

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