Verfahren gegen Strafzahlung eingestellt

Meinerzhagen - Gerechtigkeit konnte es in diesem Fall nicht geben, das war wohl bereits zu Beginn der Verhandlung dem Angeklagten, den Angehörigen und sicher auch der Staatsanwaltschaft klar. Zu schwer wiegen die Folgen für das Opfer, das mittlerweile verstorben ist, und zu unklar die Schuld, die der Fahrer eines Rollstuhltransporters daran trug.

Von Johannes Becker

Der 6. Dezember 2013 war ein kalter regnerischer Tag – und er war einer der Tage, an denen eine 83-jährige Meinerzhagenerin turnusgemäß abgeholt wurde, um einen Tag in einer Tagespflegeeinrichtung rund drei Kilometer vom Wohnhaus entfernt zu verbringen. Mit einem Lifter war die Seniorin, die nicht mehr reden konnte und nahezu komplett in ihren Bewegungen eingeschränkt war, aus dem Bett in einen sogenannten Therapierollstuhl gehoben worden. Nachdem eine Krankenpflegerin sie mit Hilfe des über 80-jährigen Ehemanns versorgt und angekleidet hatte, wurde die Frau mit einer Decke vor der Kälte geschützt. Kurz darauf kam der Fahrer des DRK, um die Frau abzuholen. Mit Spanngurten wurde der Rollstuhl in dem Spezialfahrzeug gesichert, anschließend ein im Fahrzeug befindlicher Gurt schräg über das Opfer gespannt. Nur den Beckengurt im Rollstuhl hatte niemand kontrolliert.

Während der Fahrt stellte der Fahrer dann fest, dass die Frau in ihrem Stuhl, in dem sie mehr liegend als sitzend transportiert wurde, nach vorne gerutscht war und die Decke auf dem Boden lag. „Ich habe dann sofort angehalten und nach der Patientin geschaut“, erinnerte sich der 1988 geborene Angeklagte. Er habe die Frau dann wieder aufgerichtet und dabei festgestellt, dass der Beckengurt nicht geschlossen gewesen sei.

Bein hat "komisch ausgesehen"

In der Tagespflegeeinrichtung berichtete er auch sofort von dem Vorfall. Die Leiterin der Einrichtung konnte dann auch berichten, dass ein Bein „komisch ausgesehen habe“. Man habe dann den Rettungsdienst benachrichtigt und die Frau ins Krankenhaus bringen lassen – mit dem Rollstuhltransporter, um der Patientin das Umlagern zu ersparen. Im Krankenhaus wurde dann ein Bruch beider Unterschenkel festgestellt. Diese Verletzungen hätten aber nach Aussage eines Pathologen nichts mit dem Tod der Frau einen Monat später zu tun gehabt.

Im Vorfeld der Verhandlung war dem Angeklagten ein Strafbefehl über 20 Tagessätze á 50 Euro zugegangen. Doch diesen wollte der Transporterfahrer nicht akzeptieren, da er keine Schuld für die Verletzungen übernehmen wollte. So drehten sich die Fragen des Vorsitzenden Richters Varney am Meinerzagener Amtsgericht und der Staatsanwältin auch vor allem darum, ob es eine Pflicht gebe, den Beckengurt zu kontrollieren. Dem widersprach nicht nur der Angeklagte, sondern auch ein Kollege und der Fahrdienstleiter. Man frage lediglich allgemein danach, ob der Patient in dem vorgefundenen Zustand transportiert werden könne. Eine Kontrolle des Gurtes, der oft unter Decken und Jacken verborgen sei, unterbleibe.

„Diese Praxis sollte das DRK in Zukunft überdenken, denn gerade bei einem Transport, bei dem der Patient nicht aufrecht sitzt, reicht der Gurt im Fahrzeug augenscheinlich nicht aus“, so der Richter.

Letztlich akzeptierte der Angeklagte den Vorschlag des Richters, das Verfahren gegen Zahlung von 500 Euro in fünf monatlichen Raten einzustellen.

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