Meinerzhagen anno dazumal: Geschäfte an jeder Ecke

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Hilde Lüsebrink, Mutter von Günter Lüsebrink, im eigenen Laden an der Oststraße 48. Das Gebäude existiert nicht mehr. Heute steht hier der Action-Markt.

Meinerzhagen - Günter Lüsebrink erinnert sich in nachfolgender Geschichte an Meinerzhagen und seine Geschäftswelt in den 1950-er und 60-er Jahren.

Schlägt man heute die Zeitung auf, wird man hin und wieder mit bedenklichen Schlagzeilen konfrontiert, die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Weihnachtsgeschenke kaufen heißt für viele shoppen im Netz. Onlinehandel ist unaufhaltsam auf dem Vormarsch und lässt die Innenstädte veröden, weil immer mehr Einzelhandelsgeschäfte aufhören müssen. Geht man heute mit offenen Augen durch unser Städtchen, kann man sich gar nicht vorstellen, wie viele schöne Einzelhandelsgeschäfte es noch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren hier gab, die den gesamten täglichen Bedarf zum Leben abdeckten. 

Machen wir einmal gedanklich einen Sprung in diese längst vergangene Zeit und unternehmen einen Spaziergang durch die Innenstadt unseres damaligen Städtchens. Ich erinnere mich noch sehr gut an die damalige Zeit. Ich bin in einem Geschäftshaushalt an der Oststraße 48 (heute Action-Markt), in dem es ein Möbel- und Lebensmittelgeschäft gab, aufgewachsen. Dieses Lebensmittelgeschäft, von meiner Mutti betrieben, bestand aus einem großen rechteckigen Raum von circa sieben mal 4,20 Metern, also etwa 30 Quadratmeter groß. Kam man durch die Ladentür, sah man auf eine rechtwinklige Theke. Der längere Teil diente zum Ausstellen der Ware, der kürzere Teil war die Verkaufstheke, auf der links die Waage und die Kasse standen. Unter der Verkaufstheke hingen unterschiedlich große Tüten und es lag dort das Papier zum Einpacken der Ware. Verpackungsmaterial aus Plastik gab es noch nicht. 

An den beiden Wänden hinter den Theken waren Regale mit Schubfächern von 30 mal 30 Zentimetern, in denen sich Kleinteile befanden. In dem Regal gab es auch einen Glasschrank, in dem Zigaretten, Zigarren und Tabak gelagert wurden. Im unteren Bereich des Regals, in einer Höhe von circa 80 Zentimetern, gab es große Boxen, in denen sich in großen Mengen die gängigsten Lebensmittel wie Mehl, Zucker und Salz befanden. In der Regalwand hinter der Ausstellungstheke war auch Platz für Wurst und Käse. 

Hinter der Ladentür gab es auch ein Regal für Brot und Gebäck. Das Gebäck von Bahlsen lag in einer Metalldose von 30 mal 30 Zentimetern. Was es fast in allen Lebensmittelgeschäften gab, war der große Bonbonständer, immer ein besonderer Anziehungspunkt für uns Kinder. Ein weiteres besonderes Möbelstück in unserem Laden war ein alter Stuhl vor der Verkaufstheke. Es gab wohl kaum einen Kunden, der nicht darauf gesessen hat, um einen Plausch zu halten. Viele ältere Mitbürger werden sich noch an so kleine Läden in unserem Dorf erinnern. 

Wie ging es nun in so einem Tante-Emma-Laden zu, zum Beispiel beim Bestellen der Ware? Alle 14 Tage kam ein Vertreter von Koch & Mann aus Hagen. Meine Mutti saß dann mit ihm bei einer Tasse Kaffee und bestellte anhand von bebilderten Listen neue Ware. Nach zwei bis drei Tagen wurde die Ware geliefert und musste in die Regale einsortiert werden. Eine Unsitte, die ich als Kind nicht verstehen konnte, war es, einzukaufen und nicht zu bezahlen, sondern anschreiben zu lassen. Da gab es keinen Unterschied zwischen armen und reichen Leuten und es war damals allgemein üblich. Bei uns im Laden gab es also ein sogenanntes „Schwarzes Buch“. Es ärgert mich noch heute, dass meine Mutti so ausgenutzt wurde.

Auch war es üblich, dass die Öffnungszeiten der Geschäfte nicht eingehalten wurden. Es waren immer dieselben Kunden, die abends nach Geschäftsschluss oder an Sonn- und Feiertagen klingelten. An einen besonders dreisten Fall kann ich mich noch genau erinnern. Es war am Weihnachtsfeiertag kurz vor Mittag. Es schellte und die Kundin verlangte zwei Tütchen Safran für die Suppe – aber bitte anschreiben! Warum haben meine Eltern das nur mitgemacht? Mein Trost heute: Es war eben eine andere Zeit. 

Auch der Kundeneinkauf verlief zum Teil anders als heute. Es gab Kunden, die die gekaufte Ware sofort mitnahmen. Ein Großteil unserer Kunden kam jedoch aus der Osterbauernschaft. Hier erfolgte der Einkauf per Einkaufszettel, der bereits am frühen Morgen von den Männern oder Bekannten auf dem Weg zu Arbeit mitgenommen und in das Fenstergitter unserer Haustür gesteckt wurde. Wenn wir morgens dann die Haustür öffneten, fanden wir stets diverse Zettel. Die bestellte Ware wurde dann abends per Auto in die Osterbauernschaft ausgeliefert und abgerechnet. Fehlte im Sortiment etwas, das dringend gebraucht wurde, holte man es in der Lebensmittel-Großhandels-Niederlassung von ODA, die sich in den Räumlichkeiten der Firma Schleifenbaum am Bahnhof befand. Gab es keine Möglichkeit, die Sachen mit dem Auto abzuholen, musste ich mit dem Bollerwagen bis zum Bahnhof und wieder zurück, um die Sachen abzuholen. 

Weihnachten war für uns Kinder stets der Höhepunkt des Jahres. Da wurden Sachen bestellt, die es sonst nicht in unserem Laden gab: Kisten voller Apfelsinen, große Pralinenschachteln von Stollwerk, festlich verpackte Keksmischungen von Bahlsen, Dosen mit Stangenspargel von Sonnen-Bassermann und vieles mehr. Es war für mich immer etwas ganz Besonderes, wenn ich im Laden mithelfen durfte und meine Mutti mir zur Belohnung in dem Ofen im Laden Bratäpfel zubereitete.

Was im Laden nicht gelagert werden konnte, stand im Keller. Es gab ein Gurkenfass, ein Sauerkrautfass, ein Holzfass mit Salzheringen sowie getrocknete Stockfische. Bier und Wein befanden sich auch im Keller. Was bei uns im Laden nicht verkauft wurde, waren Kartoffeln. Es war damals noch üblich, dass sich jede Familie die Kartoffeln direkt beim Bauern besorgte und einkellerte. 

In unserem Möbelgeschäft gab es keinen ständig anwesenden Verkäufer. Der Kunde musste sich bei Bedarf über eine Schelle bemerkbar machen. Meistens wurden dann Termine am Abend vereinbart. Die Verkaufsgespräche fanden dann bei uns im Wohnzimmer statt. Kam es zu einem Kaufabschluss, wurden die Möbel direkt vom Lager geliefert oder das Möbelstück wurde bestellt und mit Bahn und Lastwagen als Stückgut angeliefert. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, dass Küchenteile, verpackt im Bretterverschlag, per Stückgut am Bahnhof angeliefert wurden. Dann hieß es, zuhause anpacken und man kann sich vorstellen, welch großer Berg an Brettern dabei anfiel, der dann als Brennholz verwertet wurde. 

Vor Weihnachten passierte es schon mal, dass Kunden darauf bestanden, die neuen Möbel an Heiligabend geliefert zu bekommen. Problematisch wurde es dann, wenn Möbelstücke aus der Ausstellung geliefert werden mussten. Es kam manchmal vor, dass eine komplette Deko im Fenster neu gestaltet werden musste. Bei großen Lieferungen waren wir auf Hilfskräfte aus der Nachbarschaft angewiesen. Einmal mussten an Heiligabend noch zwei Schlafzimmer und eine Wohnzimmergarnitur ausgeliefert werden. An diesem besonderen Abend kamen die Helfer erst um 20.30 Uhr von ihrer letzten Tour zurück. 

Das war ein Blick zurück in die Vergangenheit. Damals gab es beim Kauf von Waren persönliche Gespräche und fachkundige Beratung. Es war eben kundenfreundlich. Heute wird dagegen zum großen Teil alles online bestellt. Ob wir mit den modernen Möglichkeiten mehr gewonnen oder mit den alten viel verloren haben, muss jeder für sich entscheiden.

Von Günter Lüsebrink

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