„Wir sind noch nicht da, wo wir hin möchten“

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Großes Interesse fand das Bücherangebot, zu dem neben der Bibel auch Schriften des Referenten gehörten.

Meinerzhagen - „Was hat uns Martin Luther heute noch zu sagen?“ Dieser Frage ging am Reformationstag der Theologe und Soziologe Dr. Günter Brakelmann in einem Vortrag nach. Der Verein für Kommunikation und Kultur in Meinerzhagen und Kierspe hatte dazu ins evangelische Gemeindehaus an der Kirchstraße eingeladen. Gleichzeitig wurde damit eine Veranstaltungsreihe des Evangelischen Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg zum Reformationsjubiläum im kommenden Jahr eröffnet (die MZ berichtete).

„Wir sind noch nicht da, wo wir hin möchten“, stellte Dr. Brakelmann fest, nachdem er an vielen Beispielen aufgezeigt hatte, welche Auswirkungen die Reformation bis heute nicht nur auf die deutsche, sondern auch auf die europäische und die Weltgeschichte hatte. Durch sie sei eine bis dahin einheitliche Gesellschaft differenzierter geworden und „ihre kreative Sprengkraft“ habe langfristig Einfluss auf Ehe und Familie, Staat und Gesellschaft, auf die Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und die Kunst genommen. Sie sei Wegbereiter für die Aufklärung und ein entscheidender Beweggrund auf dem Weg zur Demokratie gewesen. „Sie war ein Weltereignis. Es gäbe keine Moderne ohne die Reformation“, machte der Referent deutlich.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen in Folge der Reformation hätte es nie geben dürfen, so Brakelmann, aber mit einem exklusiven Wahrheitsanspruch könne keine Toleranz geübt werden. Zudem sei es nicht nur um theologische Wahrheiten, sondern auch um handfeste politische Interessen der Herrschenden gegangen, denen die Kirchen lange Zeit ein gutes Gewissen gemacht und so jede Modernität verhindert hätten. Der Staat sei zwar für die Einhaltung der Rechte und den Erhalt des äußeren Frieden zuständig, habe aber keinen Zugriff auf das Gewissen der Menschen. Was zum Wohle der Menschen zu tun sei, sei in den zehn Geboten und den Lehren der Bergpredigt niedergelegt. Die freie Entscheidung eines Christen sollte somit immer auch auf verantwortliches weltliches Handeln zielen und müsse sich auch gegen die dunklen Seiten der menschlichen Natur behaupten. Eine Besinnung auf die Theologie und Anthropologie, der Dialog, gelebte Annäherung und die Festigung eines politischen Miteinanders sind laut Brakelmann nach Feindschaft und Zerrissenheit in der Vergangenheit im 21. Jahrhundert das Gebot der Stunde.

In Anschluss an den Vortrag hatten die Zuhörer die Gelegenheit zu einem kleinen Imbiss, dann waren sie zu einem Gottesdienst in der Jesus-Christus-Kirche eingeladen, der ebenfalls von Dr. Günter Brakelmann sowie Pastor Klaus Kemper-Kohlhase und den Posaunenchören der beiden Gemeinden unter der Leitung von Ben Köster gestaltet wurde.

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