Grenzverlauf: Kuriosum Neuenhaus

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Anke Höll vor dem Landrestaurant auf Gummersbacher Stadtgebiet im Oberbergischen Kreis: Wenige Meter hinter ihr beginnt mit dem Haus Buntelichte 1 das Gebiet der Stadt Meinerzhagen, die zum Märkischen Kreis gehört.

Meinerzhagen/Gummersbach- Anke und Rüdiger Höll aus Gummersbach-Neuenhaus wären so gerne Bürger der Stadt Meinerzhagen. Dafür fehlen ihnen nur ganze fünf Meter. So weit – oder so nah – liegt die Grenze zur Volmestadt von ihrem Gasthof entfernt

Das Haus des Nachbarn steht nur gute 20 Meter entfernt und gehört schon zu Meinerzhagen. Die schmale Gemeindestraße dazwischen trennt die Städte Meinerzhagen und Gummersbach und zugleich die Ortschaften Neuenhaus 1 (Gummersbach) und Buntelichte 1 (Meinerzhagen). „Bis zum Rathaus in Meinerzhagen sind es von uns aus knapp acht Kilometer. Die Strecke bis zur Gummersbacher Stadtverwaltung beträgt 27 Kilometer“, rechnet Anke Höll vor. Ein ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl kommt da nicht auf, wenngleich die Wirtsleute sich keinesfalls über das für sie zuständige Amt beklagen wollen. „In allen Angelegenheiten hat man uns in Gummersbach stets freundlich und aufmerksam behandelt“, versichert Anke Höll.

 So richtig „warm“ werden die beiden mit den Gummersbachern dennoch nicht. Es fehlt einfach die Nähe. Hinzu kommt, da Gummersbach zugleich Kreisstadt ist, die Größe der Behörde. „In Meinerzhagen ist alles viel übersichtlicher und familiärer“, sagt die gebürtige Meinerzhagenerin Anke Höll, die in den Traditionsbetrieb eingeheiratet hat. Da war es auch kein Thema, dass die heute bereits erwachsenen Kinder des Paares nach Meinerzhagen in die Schule gegangen sind. In die andere Richtung wäre der Schulbesuch zur „Weltreise“ geworden – und das bei einem mehr als dürftigen ÖPNV-Angebot. 

Früher war das anders. Die direkt am Hof vorbeiführende Bundesstraße 54 war bis zur Fertigstellung der Autobahn 45 eine viel befahrene Lebensader, die vom Münsterland über das Ruhrgebiet und das Siegerland bis nach Hessen hinein führte. Doch mit der Autobahn kehrte auf dieser Strecke Ruhe ein – schlecht für die vielen Gaststätten an der Straße. Heute ist der Betrieb der Familie Höll eine der letzten verbliebenen traditionellen Landgaststätten dieser Art im heimischen Raum. Natürlich gab es über die Jahre Umstellungen. 

So wurde jüngst zugunsten des Betriebszweigs Catering die Öffnungszeit der Gaststätte reduziert. Seit einigen Jahren schon ist die Landwirtschaft verpachtet. Geblieben aber ist der urige Charme des Schankraums und des kleinen Saals. Knapp 50 Gäste können im Lokal bewirtet werden. „Die SGVer sind unsere treuesten Kunden“, erzählt Anke Höll. Außerdem bietet das Haus Platz für Familienfeiern oder Firmenveranstaltungen. Aktuell servieren die Wirtsleute an zwei Wochentagen mittags den „Quick-Lunch“. Gedacht ist dieser Service für die Beschäftigten der Betriebe im wachsenden Gewerbegebiet Grünewald, das bis auf wenige hundert Meter an den Gasthof herangerückt ist. 

„Zwei Drittel unserer Besucher kommen aus dem Märkischen Sauerland“, verweist Anke Höll auch beim Kundenstamm auf die Nähe zu Meinerzhagen. Entsprechend engagieren sich die Wirtsleute im Meinerzhagener Städtepartnerschaftsverein und beim Stadtmarketing. Vergleichbare Initiativen in Richtung Gummersbach lohnen sich wegen der Entfernung nicht. 

Die Stadtgrenze verschieben und Neuenhaus nach Meinerzhagen eingemeinden? „Da hilft uns wohl heute keiner mehr“, geben sich die Hölls wenig optimistisch. Eine kleine Chance hätte es wohl vor über fünf Jahrzehnten bei der landesweiten Gebietsreform gegeben, schätzen die Wirtsleute. Damals wurde aus Meinerzhagen und Valbert die Stadt Meinerzhagen und die meisten Teile der Gemeinde Lieberhausen mit dem Gehöft Neuenhaus, das so nah an der Meinerzhagener Stadtgrenze liegt, wurden am 1. Juli 1969 der Stadt Gummersbach zugeschlagen. 

Die Gebietsreform – ein Akt, der seinerzeit großen Ärger bei einigen Kommunen in Nordrhein-Westfalen heraufbeschwor, wie auch Helmut Klose, Fachbereichsleiter „Zentrale Dienste“, aus Aufzeichnungen weiß. Allzu offen dürfte das Land mit solch einem Ansinnen nicht umgehen, „denn damit würde man diesen Anliegen Tür und Tor öffnen“, so Klose. Ganz illusorisch scheint Anke Hölls Wunsch nach Eingemeindung in Meinerzhagen aber nicht zu sein. So verkündete der Landkreis Ebersberg in Bayern erst 2018 eine Grenzverschiebung, um eine neue Straße nur auf dem Gebiet der Kreisstadt Ebersberg verlaufen zu lassen und nicht im Zickzack auf Grafinger Gebiet. Damit sollte die Unterhaltung erleichtert werden.

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