Die Gesichter der Revolution

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Dirk Vogel (links) wird hier von Joachim Stöver, dem pädagogischen Leiter von Haus Nordhelle interviewt. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Im Alter von 13 Jahren ahnte Sarah Jasinszczak, dass die SED-Ideologie nicht so menschenfreundlich war, wie ihr Umfeld sie Glauben machen wollte.

Sie wuchs in Ostberlin nahe der Grenzmauer auf. Als Kind sah sie einmal eine Schulklasse aus dem Westen auf einem Turm an der Mauer.

„Die meisten trugen gelbe Ostfriesennerze und winkten mir zu“, erzählte die heute 47-jährige Theaterpädagogin am Dienstagabend in Haus Nordhelle. Als ihr Vater, ein Volkspolizist, das sah sagte er: „Das darfst du nicht, das ist der Klassenfeind.“ Abends sah er mit ihr die „Aktuelle Kamera“ an, um sie zu einer überzeugten Sozialistin zu erziehen.

Nach einer Pubertät voller Auflehnung gegen den Vater, nachdem Sarah begonnen hatte, Bücher förmlich zu verschlingen und sich dabei vor allem für Hölderlin begeisterte, wuchs in ihr immer mehr der Wunsch, das System der DDR zu verändern. Sie besuchte Bluesmessen und gehörte schließlich zusammen mit ihrem Freund zu einer Gruppe Oppositioneller, die im Keller eines Pfarrhauses zusammen mit dem Pfarrer und weiteren Mitstreitern die so genannte Umwelt-Bibliothek betrieben. Hier konnte Literatur ausgeliehen werden, die in der DDR tabu war.

Nachts mühten sich die jungen Idealisten mit einer Matritzenmaschine ab, um Flugblätter oder das streng verbotene Untergrundblatt „Der Mauerfall“ zu drucken.

Sarah Jasinszczak ist eine von vielen, die dabei mitwirkte, die friedliche Revolution in der DDR zu ermöglichen und den Boden für die Wiedervereinigung zu bereiten. Der Dortmunder Fotograf Dirk Vogel hat 63 dieser mutigen Zeitzeugen porträtiert.

Am Dienstagabend wurde seine Ausstellung mit 35 der ausdrucksstarken Schwarzweiß-Aufnahmen in der evangelischen Tagungsstätte Haus Nordhelle in Valbert eröffnet. Der pädagogische Leiter der Einrichtung, Joachim Stöver, freute sich sehr, neben dem Fotografen und rund 40 Interessierten auch Sarah Jasinszczak begrüßen zu können, die ebenfalls für die Ausstellung porträtiert wurde. Gebannt hörten die Besucher ihr zu, als sie von ihrem Werdegang und dem heimlichen Druck des Untergrundmagazins berichtete. „Wenn man so jung ist, ist einem die Gefahr einfach nicht so bewusst“, erklärte sie. Daher habe sie rückblickend nicht den Eindruck, sehr mutig gehandelt zu haben.

Ähnliche Aussagen berichtete der Fotograf auch von vielen anderen Porträtierten. „Vielen war es fast peinlich, dass ich sie fotografieren wollte“, erzählte er. „Sie wollten nicht in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten.“

Jedes Porträt der Ausstellung wird durch einen Text zur Person ergänzt, der die Lebenssituation und die Persönlichkeit oftmals sehr originell beschreibt. Mit dieser Arbeit wurden viele verschiedene Autoren beauftragt.

Die Ausstellung „Gesichter der friedlichen Revolution“ wurde in Zusammenarbeit mit der Robert-Havemann-Gesellschaft ermöglicht, die hierzu das gleichnamige Buch herausgab.

Die Ausstellung ist noch bis zum 1. Juli in Haus Nordhelle zu sehen. Auch Führungen sind möglich. Interessierte können sich unter Tel. (0 23 58) 8 00 91 57 bei Joachim Stöver melden. ▪ ps

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