Meinerzhagener vor Gericht

Geisterfahrer wollte sterben - Prozess hat begonnen

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Dem angeklagten Geisterfahrer (rechts) werden zum Prozessauftakt im Schwurgerichtssaal in Dortmund die Handschellen abgenommen.

MEINERZHAGEN ▪ Vor dem Dortmunder Schwurgericht hat am Freitag das Strafverfahren gegen einen Unfallfahrer aus Meinerzhagen begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Werkzeugmacher vor, als Geisterfahrer das Leben von vier Verkehrsteilnehmern gefährdet zu haben.

Die Anklage lautet auf versuchten heimtückischen Mordes in vier Fällen, geht aber gleichzeitig davon aus, dass der Unfallfahrer für seine verhängnisvolle Autofahrt nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Bei dem Unfall, den der Meinerzhagener offenbar in Selbstmordabsicht extra herbeiführte, wurden ein älteres Ehepaar und zwei sieben und zehn Jahre alten Kinder durch glücklichen Zufall lediglich leicht verletzt.

Mit schüchternem Blick auf seine im Zuschauerraum anwesenden Eltern nahm der junge Mann auf der Anklagebank Platz, war zum Prozesstag aus der geschlossenen Klinik in Lippstadt-Eickelborn gefahren worden. Hier ist er seit dem Unfalltag am 19. November vergangenen Jahres vorläufig untergebracht, wird mit Gesprächen und Medikamenten gegen seine Psychose behandelt. Mit monotoner Stimme und sichtlich gedämpft von hochwirksamen Psychopharmaka versuchte der 24-jährige zu Prozessbeginn, seine lebensgefährliches Fahrmanöver und seine damalige Seelenlage zu erklären: „Ich habe alles extrem wahrgenommen, war wie ferngesteuert“.

In seiner inneren Not hatte er sich Tage vor der Geisterfahrt bereits einem evangelischen Pastor in Meinerzhagen anvertraut, ihm von seinem Gefühlschaos und seinen Ängsten berichtet. Der Geistliche riet ihm dringend, sich an einen Psychiater zu wenden, doch der Rat verhallte ungehört. Ganz spontan, so seine Erinnerung, habe er an dem Unfalltag auf der Autobahn A 1 in Höhe von Schwerte den Entschluss gefasst, sich das Leben zu nehmen: „Ich wollte alles auf Null stellen, quasi wiedergeboren werden“ umschrieb er seine damals empfundende Verzweiflung und Ausweglosigkeit, Er wendete seinen Pkw auf der Autobahnausfahrt, gab Gas und prallte auf der Ausfädelspur frontal mit einem Wagen zusammen, der gerade die Autobahn verlassen wollte.

Noch sichtlich geschockt und mit Tränen in den Augen beschrieb der 72-jährige den Zusammenprall, der seiner Frau und den beiden mitgenommenen Kindern aus der Nachbarschaft auch das Leben hätte rauben können. „Der Unfallfahrer sagte kein Wort, stieg erst nach längerer Zeit aus seinem Wagen aus und legte still den Kopf auf die Leitplanke“ erinnerte sich der Zeuge an das befremdliche Verhalten.

Für die Prozessbeteiligten gilt er wegen einer diagnostizierten schweren Psychose als schuldunfähig. Geprüft werden muss nun, ob der Meinerzhagener weiterhin gefährlich für die Allgemeinheit ist und zur Behandlung in einer geschlossenen Klinik bleiben muss. Der Prozess wird fortgesetzt. ▪ mw

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