Das Gehör junger Leute ist ständig gefährdet

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„Was ist für mich Lärm?“, das sollten die anwesenden Eltern auf großen Papierbögen auflisten. Dabei kam Straßenlärm ebenso heraus, wie Volksmusik, was zeigt, das Lärm subjektiv sein kann. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Mit 19 Jahren hören wie ein 80-Jähriger – um das zu erreichen, braucht es nicht viel. Laute Musik in Konzerten und Diskotheken, MP3-Player mit hoher Lautstärken, mit Wattestäbchen sich das Ohr verletzen oder aber einfach nur eine Ohrfeige versetzt zu bekommen, reicht aus.

Rund um das Thema Hören und Nichthören ging es am Dienstagabend in der Aula des Evangelischen Gymnasiums auf Einladung des Arbeitskreises „Hilfe für Kinder“ und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Meinerzhagen/Kierspe. Wie es sich lebt, ohne richtig zu hören, spielten acht Mädchen und Jungen der Ganztagsschule Halver in drei Szenen vor. In einer der Szenen saß ein Junge mit MP3-Player in der Bahn und hörte laut seine Musik. 40 Jahre später saß er in der gleichen Bahn, alles stieg aus, nur er blieb sitzen und wunderte sich: „Früher wurden die Haltestellen noch einzeln angekündigt...“

„Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass das Innenohr bereits in der Schwangerschaft und das Mittelohr bei der Geburt ausgebildet ist. Alles, was nun mit dem Ohr passiert, wird sich nicht mehr reparieren lassen“, begann Helgo Ollmann vom Grimme-Institut seinen Vortrag. „Nur ein lauter Silvesterknaller lässt die feinen Härchen an den 35 000 Sinneszellen im Innenohr platt daniederliegen, wie beim Aufprall eines Tennisballes auf Kresse. Beides, die Sinneszellen und die Kresse kommen nie wieder hoch und fallen künftig aus.“

Nicht mehr richtig hören können, habe Folgen. Wer nicht hört, könne nicht sprechen und auch nicht schreiben. Das Hören gebe uns Orientierung und Informationen über unser Umfeld. Das Ohr schlafe nie. Auch im Schlaf nehme es alles wahr und Menschen, die in lauter Umgebung schlafen, befinden sich immer kurz vor der Aufwachphase. Vier Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen litten heute an einer Hochtonschwerhörigkeit, 13 Prozent der Acht- bis 14-Jährigen an nachweisbaren Innenohrhörverlusten. Bereits jedes dritte Kind habe bei der Einschulung keine altersgemäße Hörwahrnehmung, was aber nicht nur an Verletzungen durch Lärm liegen müsse.

Wie sich geschädigte Kinder verhalten, darüber berichtete im Anschluss die Motopädin Astrid Cammerzell, die am Kompetenzzentrum der Schule Volmetal arbeitet. „Wir müssen uns das so vorstellen, dass das Kind den Kopf offen hat und alles strömt ungefiltert hinein. Ab der dritten Schulstunde ist es so erschöpft, dass es dem Unterricht nicht mehr folgen kann.“ Während sich einige Kinder bei Hörproblemen zurückzögen, würden andere laut und dominant. „Kein Kind steht morgens auf und will stören und nerven. Es gibt immer einen Grund dafür“, führte Astrid Cammerzell aus. Dieser Grund müsse möglichst früh erkannt werden. Ihre Klassen lässt Astrid Cammerzell vier Minuten in völliger Stille verharren, um sich anschließend von den Kindern erzählen zu lassen, was sie dennoch alles gehört hätten.

Erste Anzeichen für Hörschäden seien häufiges Missverstehen einfacher Aussagen, häufiges Nachfragen, auffallend lautes Sprechen, keine Reaktion, wenn derjenige von hinten angesprochen wird, undeutliche Aussprache und noch einiges mehr.

Einen ganz anderen Blickwinkel auf das Hören gab als letzter Gast der Referent Michael Hufnagel von der Kriminalpolizei. „Lieder auf dem Index – Eltern in der Pflicht?“ war sein Thema und er machte den anwesenden Eltern klar, dass sie sich darüber informieren müssen, was ihre Kinder hören. Es gibt Künstler, deren Lieder haben menschenverachtende Texte. Und wie leicht es für die Kinder ist, an diese Lieder zu kommen, zeigte er mit wenigen Mausklicks. „Bushido“, „Böhse Onkelz“ oder „Die Ärzte“ gehörten mit zu den Gruppen.

Informationen und Tipps für Eltern sowie der Vortrag von Helgo Ollmann sind in Kürze auf der Hompage unter http://www.schule-volmetal.de zu finden. ▪ GeG

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