Wie ein paar Bergneustädter Kinder den 2. Weltkrieg kurzzeitig unfreiwillig fortsetzten

Gefährliche Luftpost landet in Güntenbecke

Das Foto vom 5. Oktober 1946 zeigt die Flak-Batterie auf dem Turnplatz von Baldenberg.
+
Das Foto vom 5. Oktober 1946 zeigt die Flak-Batterie auf dem Turnplatz von Baldenberg.

Die Bewohner des Güntenbecker Tals südlich von Meinerzhagen waren bestimmt wie vom Donner gerührt, als auf einem Feld am helllichten Tag eine Granate einschlug. Und das zu Friedenszeiten. Der Zweite Weltkrieg war seit Wochen vorüber. Oder etwa doch nicht? Doch, er war es zum Glück. Aber sie konnten ja nicht ahnen, dass ein paar Bergneustädter Kinder unfreiwillig Absender der gefährlichen Luftpost waren. Aber der Reihe nach:

Meinerzhagen/Bergneustadt – Oberhalb von Baldenberg, auf dem ehemaligen Turnplatz des TV Baldenberg, auf dem der Verein heute Bogenschießsport betreibt, hatte die deutsche Wehrmacht in den letzten Kriegswochen vor 75 Jahren mit mehreren Geschützen einer 8,8 cm-Flak-Batterie, auch „Acht-Acht“ genannt, Stellung bezogen. Auf dem Turnplatz sollte es in den letzten Kriegstagen zu einem Gefecht um die Hoheit über Baldenberg kommen, das mehrere Opfer forderte und vorentscheidende Kriegsauswirkungen auf das talabwärts gelegene Bergneustadt hatte.

Unruhe in Baldenberg

Als es am frühen Abend des 10. April 1945 dämmrig wurde, so erinnert sich die heute 85-jährige Inge Lenz, geb. Haas, kam Unruhe in Baldenberg auf. Eine versprengte Einheit deutscher Wehrmachtssoldaten erreichte das kleine Dorf, das unmittelbar an der Stadtgrenze zu Bergneustadt lag, damals aber noch zur Gemeinde Denklingen gehörte. Aus Richtung Hecke kommend, waren sie über die alte Heerstraße, auch Napoleonstraße genannt, vorbei an Hüngringhausen bis nach Baldenberg gelangt – geflüchtet vor den amerikanischen Truppen, die ihnen mit dem 1. Bataillon des Infanterieregiments 310 auf den Fersen waren. Die deutschen Soldaten waren ziemlich am Ende, und die Stimmung war auf dem Tiefpunkt.

Schon am nächsten Morgen standen die Amerikaner buchstäblich vor der Tür. Sie kamen ebenfalls aus Richtung Hecke, marschierten aber mit ihrer Artillerie – Panzer und Fußtruppen – querbeet von der Anhöhe „Brantenholz“ auf Baldenberg zu. Nach Aussagen von Friedhelm Jaeger (88) wurden sie gedeckt von einer weiteren Teileinheit (Platoon genannt) des US-Infanterieregiments 310, die – von Oberagger über Schmittseifen kommend – Hüngringhausen besetzt und kurzzeitig ihren Kommandostand im Haus der Jaegers eingerichtet hatte.

Die meisten Wehrmachtssoldaten ergaben sich den Amerikanern widerstandslos, einige konnten flüchten. Ganz ohne Opfer gingen die Ereignisse von Baldenberg jedoch nicht ab. Vom Hörensagen erfuhr Inge Haas später, dass sich die deutschen Soldaten, die die „Acht-Acht“ bedienten, nach einem Feuergefecht angesichts der Übermacht der Amerikaner zur Flucht entschlossen hätten. Vorher seien sie dem „Nero-Befehl“ Hitlers gefolgt, der am 19. März 1945 eine „Taktik der verbrannten Erde“ angeordnet hatte, und hätten die eigenen Geschütze gesprengt. Dabei soll es einen Toten in den eigenen Reihen gegeben haben. Den gefallenen Wehrmachtssoldaten hätten die Baldenberger später dort in seinem Blut liegen sehen. Von ihren Eltern hörte Inge Lenz von dem schrecklichen Anblick eines verstümmelten Körpers.

Gefechte spielten sich anders ab

Doch der Granateneinschlag südlich von Meinerzhagen Wochen später und ein Briefwechsel 36 Jahre danach lassen es sehr wahrscheinlich erscheinen, dass sich die Gefechte zwischen der amerikanischen Artillerie und der deutschen Flak-Stellung anders abgespielt haben, als ursprünglich von den Baldenbergern erzählt.

Einem Schriftwechsel aus dem Jahr 1981 mit der Stadt Bergneustadt ist zu entnehmen, dass einer Frau Wille aus Briefen von Kriegskameraden ihres Mannes seit 1946 bekannt war, dass ihr Mann am 11. April 1945 durch einen Artillerie-Volltreffer auf sein Flak-Geschütz in Baldenberg gefallen war. Die Stadtverwaltung bestätigte, dass der Gefreite Friedrich Wille, der zunächst als unbekannter Soldat auf dem Ehrenfeld des Bergneustädter Friedhofs beigesetzt worden war, im Oktober 1981 eine neue Grabplatte mit seinem Namen erhalten habe.

Also war das Flakgeschütz nicht von deutschen Einheiten zerstört, sondern von einem Treffer der amerikanischen Artillerie außer Gefecht gesetzt worden. Der hatte die Anlage zwar schwer beschädigt, aber eben nicht komplett vernichtet. Und höchstwahrscheinlich steckte seit diesem Treffer immer noch eine Granate abschussbereit in einem der Geschützrohre.

„Soldat spielen“

Und hier kommen die Bergneustädter Kinder ins Spiel: Eines von ihnen war der heute 84-jährige Horst Kowalski. In den Sommerferien 1945 holte Kowalski, damals neun Jahre alt, täglich eine Kanne Milch bei einem Baldenberger Bauern. Eines Tages war er mit seinen Spielkameraden, sechs oder sieben Jungen und Mädchen aus dem Ortsteil Ohl, wieder auf dem „Barmerich“. Sie hatten von den zerstörten Flak-Geschützen auf dem Turnplatz gehört, deren Überreste dort noch immer standen. Dem natürlichen Spieltrieb von Kindern folgend, wollten auch sie „Soldat spielen“. Neugierig inspizierten sie die Flak-Batterie. Eines der Geschütze war noch insoweit intakt, als man die Kurbeln bedienen konnte, mit denen das Geschützrohr vertikal geneigt und horizontal gedreht wird. Die Kinder schauten ins Geschützrohr, setzten sich auf die Sitze der Flak-Kanoniere, drehten an den Kurbeln und bedienten einige Hebel.

Spiel mit Folgen

Was dann passierte, wird Horst Kowalski nie vergessen: „Plötzlich löste sich mit ohrenbetäubendem Lärm ein Schuss, und anschließend vernahmen wir ein eindringliches Pfeifgeräusch in der Luft. Irgendjemand von uns musste versehentlich den Abschussknopf gedrückt haben. Das Geschütz war also doch nicht vollständig defekt! Wir hatten riesiges Glück, dass keinem von uns etwas passiert war. Aber wir bekamen einen gehörigen Schrecken und hatten die Hosen gestrichen voll. Panikartig rannten wir den Berg hinunter. Die Milch schwappte aus der Kanne. Zu Hause angekommen, war sie fast leer. Natürlich hatten wir uns geschworen, kein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren.“ Den Bergneustädtern, die den Schuss vom Baldenberg ebenfalls gehört hatten und die Kinder darauf ansprachen, bestätigten sie lediglich, den Knall auch vernommen zu haben, aber keine Ahnung hätten, woher er gekommen und was passiert sei.

Tage später sprachen sich die Folgen in Bergneustadt herum: Hermann Schmies, der mit dem Transporter der Firma Gebr. Schmies Elektrogeräte nach Meinerzhagen auslieferte, hatte dort gehört, dass am Tag des Baldenberger „Manövers“ auf einem Feld im Güntenbecker Tal ein Granatgeschoss eingeschlagen sei. Glücklicherweise seien hierbei weder Menschen noch Tiere oder Gebäude zu Schaden gekommen.

Die Entfernung von Baldenberg nach Güntenbecke dürfte etwa 12 Kilometer Luftlinie betragen. Bei einer Reichweite der „Acht-Acht“ von fast 15 km ist als gesichert anzunehmen, dass es sich bei dem Einschlag im Güntenbecker Tal tatsächlich um das Flak-Geschoss aus Baldenberg handelte.

„Da waren wir natürlich erleichtert und haben tief durchgeatmet“, so Kowalski, „dennoch haben wir zunächst dicht gehalten. Später konnten jedoch einige von uns das Wasser nicht halten. Nicht ohne Stolz haben sie von der Tat erzählt und sich damit gebrüstet, ihre ‘militärischen Fähigkeiten’ unter Beweis gestellt zu haben.“

Dieter Rath

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare