Gedenkveranstaltung im kleinen Kreis

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Der Kiersper Ulrich Hermann brachte ein Bild von Peter Sevriens mit. ▪

MEINERZHAGEN ▪ „Heute vor 70 Jahren wurden 791 Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Dortmund gebracht, darunter acht Meinerzhagener Bürger.“ Herbert Langenohl von der Initiative Stolpersteine erinnerte am Samstag an die Schicksale der Menschen, die an diesem Tag alles verloren. Von Dortmund aus seien sie in die polnische Stadt Zamosc gebracht und nach Arbeitsfähigkeit sortiert worden.

„Säuglinge, alte Menschen und Kranke wurden gleich umgebracht – die anderen der Vernichtung durch Arbeit zugeführt und der noch überlebende Rest erschossen oder vergast.” In den Melderegistern seien die Namen mit dem Vermerk „unbekannt verzogen“ versehen worden. Anderen jüdischen Bürgern gelang zwar die Flucht ins Ausland, vielfach seien sie aber innerlich an dem Erlebten zerbrochen. Zudem verloren sie ihre gesamte Existenz und mussten in einem fremden Land bei Null anfangen.

Die Initiative Stolpersteine hat es sich zum Ziel gesetzt, Erinnerung gegen das Vergessen zu setzen und den menschlichen Schicksalen in der Geschichte Meinerzhagens wieder ein Gesicht zu geben. „Wie wichtig das ist, zeigt sich auch daran, dass wir heute fast unter uns sind“, so Langenohl mit Blick auf die rund 25 Teilnehmer an der Gedenkveranstaltung, die bis auf wenige Ausnahmen Mitglieder der Initiative Stolpersteine seien.

Es gehe nicht um Schuldzuweisung, so Langenohl, sondern um einen Gedanken, den der Philosoph George Santanyana auf den Punkt brachte: „Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Daher schloss sich an die Veranstaltung am „Gedenkstein für die ermordeten Juden“ an der Kirchstraße ein Rundgang an, der an zehn früheren Wohnorten jüdischer Familien vorbeiführte. Der Kiersper Rolf Janßen, ebenfalls Mitglied der Initiative, erzählte der Gruppe von den Menschen und ihrem Schicksal. Als erste Station besuchten sie den Ort, an dem früher das Haus Zum Alten Teich 2 stand. Hier lebte Nathan Stern mit seiner Familie. Obgleich alle Familienmitglieder vor den Gräueltaten der Nazis ins Ausland fliehen konnten, verlor Nathan Stern den Boden unter den Füßen. Zusammen mit seiner Frau Rosa und dem 29-jährigen Sohn Hugo sei er im Dezember 1940 nach Buenos Aires in Argentinien geflohen, so Janßen. Hier erlebte er im März noch seinen 70. Geburtstag, nahm sich aber wenige Wochen später das Leben. Wie groß der Albtraum war, dem die jüdischen Bürger auch in Meinerzhagens ausgesetzt waren, lässt auch am Schicksal der Familie erahnen, die an der Hauptstraße 32 lebte. Ein altes Foto zeigt Emil und Paula Stern mit ihren zu diesem Zeitpunkt schon erwachsenen Söhnen Hans und Herbert, wie sie sichtlich gut gelaunt zusammen an einem Tisch im Garten sitzen. In dieser Familie überlebte nur der Sohn Hans das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Nach Erhalt des Deportationsbefehls nahm sich Emil Stern im Alter von 57 Jahren das Leben. Seine Frau Paula wurde eine Woche später zunächst nach Theresienstadt und weitere fünf Monate später, im Januar 1943, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Der 23-jährige Sohn Herbert, der mittlerweile in Hannover lebte, wurde nach Riga deportiert und ermordet. Einziger Überlebender war der Sohn Hans, der bereits 1936 nach Südafrika und später auch nach China reiste. Er kehrte 1950 zurück und lebte bis zu seinem Tod 1981 in Düsseldorf.

Während des Rundgangs vorbei an den früheren Wohnorten der Betroffenen, gesellten sich einige interessierte Bürger dazu und nutzten die Gelegenheit, sich zu informieren. Abschließend ging die Gruppe schweigend den Weg zum Bahnhof, von wo aus die Deportierten vor 70 Jahren ihre Reise ohne Rückkehr antraten. ▪ Petra Schüller

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