Gabriele Krone-Schmalz stellt ihr Buch „Russland verstehen“ vor

In ihrem Buch wirbt Gabriele Krone-Schmalz um mehr Verständnis für Russland und fordert professionelleren Journalismus

Meinerzhagen - „Es ist im ureigensten Interesse der EU, Russland als Partner zu haben. Wer diese Chance vertut, riskiert, dass Europa im Machtkampf künftiger Großmächte zerrieben wird.“ Mit klaren Worten machte die frühere ARD-Osteuropakorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz bei der Vorstellung ihres Buches „Russland verstehen – Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens“, zu der KuK in die Stadthalle eingeladen hatte, ihre Haltung deutlich.

In ihrem Buch wirbt sie um mehr Verständnis für Russland und fordert gleichzeitig einen professionelleren Journalismus in westlichen Medien, in denen sich immer mehr Menschen heute nicht mehr wiederfänden, und wo ein Begriff wie „Russlandversteher“ zur Stigmatisierung und Ausgrenzung tauge. „Muss man nicht erst einmal etwas verstehen, bevor man es beurteilen kann?“, fragt sie. Verständnis sei die Grundlage für die Erkenntnis von Zusammenhängen und Hintergründen. Nur auf dieser Basis habe man die Chance zu erklären, was vorgeht und warum. Dies sei die Aufgabe des Chronisten, die von vielen Journalisten heute vernachlässigt werde. Stattdessen sei die Berichterstattung vor allem bei internationalen Themen von Schwarz-Weiß-Malerei gekennzeichnet, es mangele an differenzierter Darstellung, kritische Stimmen kämen kaum zu Wort, was im Blick auf Russland eine Dämonisierung zur Folge habe. Der „Mainstream“ in der vorgeblich „pluralistischen Presselandschaft“ lasse um das demokratische System in Deutschland fürchten.

Die Gründe für diese Entwicklung sieht Krone-Schmalz nicht zuletzt in der Schwächung der Printmedien und der dramatischen Veränderung der Arbeitsbedingungen für Journalisten, die in immer kürzerer Zeit immer mehr Themen bearbeiten müssten, was häufig nur durch den Rückgriff auf Leitmedien oder Nachrichtenagenturen zu leisten sei.

Sie mahnte einen präzisen Umgang mit der Sprache und Begriffen an, etwa bei Gebrauch von EU und Europa. In 90 Prozent der Fälle müsse es EU und nicht Europa heißen. „Platt formuliert: Europa, zu dem selbstverständlich auch Russland gehört, stellt einen Wert dar, die EU zunehmend ein Ärgernis und ein Risiko.“ Auch sei es falsch, bei der Loslösung der Krim von Kiew von einer Annexion zu sprechen, bei der das Gewaltverbot als grundsätzliche Prinzip des Völkerrechts ausgehebelt werden könne und ein militärisches Einschreiten erlaube. Vielmehr handele es sich um eine Sezession, eine Abspaltung, und damit eine innerstaatliche Angelegenheit. Nachdem der zunächst garantierte Standort der wichtigen Schwarzmeerflotte auf der Halbinsel durch die Annäherung der EU und Ukraine aus russischer Sicht in die westliche Einflusszone gerückt sei, sei die Intervention Russlands verständlich: „Wie naiv muss man sein, die veränderte geopolitische Lage nicht zur berücksichtigen?“, fragte die Journalistin. Vorschläge aus Moskau, der Krim einen Sonderstatus zu verleihen, seien zudem im Vorfeld nicht beachtet worden. Bei der Berichterstattung über die Vorgänge in der Ukraine werde grundsätzlich mit zweierlei Maß gemessen. Krone-Schmalz zeigte viele Beispiele auf, etwa bei der Berichterstattung über die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Odessa.

Im Umgang mit Russland seien nach der Auflösung der Sowjetunion viele Fehler gemacht worden, ist die Autorin überzeugt. Statt dem Land in einer äußerst schwierigen Situation unterstützend beizustehen, habe es der Westen als Konkursmasse behandelt, auf die Verliererstraße geschickt und Signale zur Zusammenarbeit ignoriert. Dies habe enttäuschte Hoffnungen und verpasste Chancen zur Folge gehabt. Die Nato-Osterweiterung werde in Russland als Wortbruch betrachtet.

Der Kampf um die globale Vorherrschaft entscheide sich auf dem „Schachbrett Eurasien“, deshalb müsse Russland unbedingt in die Entscheidungen zum Aufbau friedenssichernder Strukturen mit einbezogen werden, machte die Autorin den 350 Zuhörern deutlich, die ihre Ausführungen mit viel Applaus belohnten.

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