Stoff für ein Sportbuch

Als Siggi Grams den BVB „erschoss“

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Siggi Grams im Sodinger Trikot liefert sich ein spannendes Duell mit dem Schalker Willi Koslowski.

MEINERZHAGEN ▪ In dieser Woche trafen sie sich wieder. Zwei inzwischen ergraute „Jungs“ aus dem Kohlenpott, im Herner Stadtteil Sodingen groß geworden.

Friedhelm Wessel (68), der langjährige Lokalreporter der Ruhrnachrichten und jetzige Buchautor, und Siegfried Grams (70), dessen sportliche Laufbahn nun ein Kapitel eines von Wessel gerade neu herausgebrachten Sportbuches einnimmt. Im Rahmen seiner Recherchen war Wessel auch auf den Namen Grams gestoßen – und er ließ nicht locker, bis er den einstigen Profifußballer in Meinerzhagen ausfindig gemacht hatte und dann sogleich für ein ausführliches Gespräch hier besuchte.

Dass „Siggi“ Grams, wie ihn die meisten nennen, in jungen Jahren ein hoch talentierter Fußballer war, ist heute nur noch wenigen bekannt. Der eine oder andere erinnert sich an ihn vielleicht noch im im Zusammenhang mit den Glanzzeiten des heimischen RSV, als dieser Mitte der 60er Jahre aus der Bezirksliga kommend bis ins Amateuroberhaus stürmte und hier in der damals dritthöchsten Liga die Klingen mit Traditionsvereinen wie dem VfL Bochum, der SG Wattenscheid, STV Horst-Emscher und vielen anderen kreuzte. Den sportlichen Höhepunkt brachte die Saison 1965/66, als die damals von dem Dortmunder Altinternationalen Erich Schanko trainierten Volmestädter die Verbandsliga-Meisterschaft und den damit verbundenen Aufstieg in die Regionalliga nach einer dramatisch verlaufenen Saison als Tabellenzweiter nur denkbar knapp verpassten. Mit Beginn der nächsten Spielzeit schnürte dann auch der vom damaligen Meinerzhagener Talentscout Hans Major beim TSV Marl-Hüls entdeckte Siegfried Grams die Fußballstiefel für die Blau-Weißen und erlebte hier noch eine tolle Fußballerzeit.

Friedhelm Wessel, der Journalist, und Siegfried Grams, der Fußballer, haben sich trotz der gemeinsamen Herkunft in ihrer Jugendzeit nicht bewusst kennengelernt. Über das aktuelle Buchprojekt fanden sie erst vor zwei Jahren zueinander und ließen den Kontakt seither nicht mehr abreißen.

Beim jüngsten Besuch hatte Friedhelm Wessel eines der ersten Exemplare seines neuen Buches, das er mit Freuden seinem wiederentdeckten einstigen Weggefährten aus alten Herner Zeiten überreichte. „Weißt du noch?“, so der Titel des im Herkules Verlag erschienen Sportbuches, mittlerweile schon Band 2 mit Geschichten und Anekdoten rund um den Ruhrpott-Traditionsverein FC Schalke 04.

Autor Wessel, zunächst freier Mitarbeiter und Bildreporter, später dann Alleinredakteur für die Herner Lokalseite der Ruhrnachrichten, hat sich im Ruhestand als Autor ganz der Regionalgeschichte des Ruhrgebiets verschrieben. „Mein Thema sind die hier prägenden Ks,“ erklärt der Journalist im Gespräch mit unserer Zeitung, um das sodann wie folgt zu konkretisieren: „K wie Kohle, K wie Kumpel, K wie Kolonie, K wie Kino und nicht zuletzt K wie Kicker.“

Und unter K wie Kicker fällt natürlich auch das an Legenden und Episoden pralle Vereinsleben des FC Schalke 04. Dass der Herner diesem Verein, den die Fans aus der namenlosen Stadt des Erzrivalen penetrant als Herne-West verorten, nun schon sein zweites Buch widmet, kommt nicht von ungefähr: Als Fotograf war Wessel etliche Jahre ganz nah dran an den Spielern in Königsblau. Und so erinnert der Autor diesmal an solch bekannte Akteure wie Willi Schulz, Heinz van Haaren, Klaus Fichtel, Hannes Bongartz, Klaus Scheer und viele mehr. Er erzählt lustige Begebenheiten um Spieler und Trainer und erinnert auch an weniger bekannte Schalker und was aus ihnen wurde. Zu denen gehört auch Siggi Grams, dem die WAZ nach einem Oberligaspiel der Saison 1961/62 die Schlagzeile widmete: „Grams erschießt den BVB“. Noch heute erinnert sich der Held des Tages von damals lebhaft an diese Partie, in der er im Trikot seines Heimatvereins SV Sodingen durch seinen Treffer den 1:0 Überraschungserfolg über die Dortmunder markierte. Dies und wie es später zum ersten und leider auch einzigen Bundesligaspiel des Filigrantechnikers kam, der den Beruf des Feinblechners erlernt hatte, kann man nun im neuen Buch von Friedhelm Wessel nachlesen.

Hier einige Auszüge daraus: „Bereits als Schüler und Jugendspieler hatte der Kicker, der im ehemaligen Pflüger-Haus im Schatten von Mont-Cenis in Herne zu Hause war, auf sich aufmerksam gemacht. So erfolgten bald Berufungen zu Auswahlspielen, wo er zusammen mit den späteren Fußball-Legenden Reinhard „Stan“ Libuda, Wolfgang Overath und Jürgen Sundermann und dem jüngst verstorbenen Grünweißen Lothar Hensel kickte.

In Sodingen lief es zunächst recht gut für den jungen Kicker. „Im Sommer 1961 musste ich einmal sofort meine Arbeitsstelle verlassen, weil ich überraschend für die Reise der Oberligaelf nach Tunesien nominiert wurde. Ich war damals der jüngste Spieler im Kader und teilte mir das Zimmer mit SVS-Legende Hennes Adamik, dem ältesten Kicker des Teams“, erinnert sich Siegfried Grams.

Der Trainer der benachbarten Westfalia, Fritz Langner, war längst auf den torgefährlichen Sodinger aufmerksam geworden. Als der „eiserne Fritz“ vom Herner Schloss Strünkede zum Gladbacher Bökelberg wechselte, nahm er Grams mit. „Eine spannende Zeit, denn hier spielte und trainierte ich mit Jupp Heynckes, Günter Netzer und Horst Höttges“, verriet der ehemalige Grünweiße. Besonders Höttges sollte ihm später einmal das Fußballerleben schwer machen.

Zwei Jahre gehörte Grams dem Team aus Mönchengladbach an, konnte sich aber nie richtig durchsetzen. So folgte er schließlich Trainer Fritz Langner nach Schalke. Bei den Königsblauen kam Siegfried Grams zunächst nur bei den Amateuren oder bei Turnieren zum Einsatz. In dieser Zeit freundete sich „Siggi“, wie der Stürmer aus Sodingen gerufen wird, mit Hannes Becher, Friedel Rausch, Karl-Heinz Bechmann an. Dann kam der 5. März 1966. Siegfried Grams stand erstmals in der Startelf der Knappen. Zu Gast war die Mannschaft von Werder Bremen. Hier hatte ein beinharter Abwehrspieler auf sich aufmerksam gemacht, den Bundesligadebütant Grams schon vom Bökelberg kannte: Horst „Eisenfuß“ Höttges. „Der spielte mich schwindelig“, erzählt Grams. Die Begegnung ging verloren, Werder gewann 6:1, und beim „Eisernen Fritz“, bei dem der Herner fünf Jahre trainierte, fiel Grams in Ungnade. Hinzu kam noch Verletzungspech. Seine Karriere setzte Siegfried Grams zunächst beim Oberligisten TSV Marl-Hüls fort, um dann nach Meinerzhagen zu wechseln. Hier beendete der Kicker, der einst den „BVB erschoss“, 1974 seine aktive Laufbahn.“ ▪ - fe

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