Interview mit Dr. med. Barbara Wüst

„Vielen geht es sogar besser“

Die Gefahr, dass Kinder die Ängste ihrer Eltern übernehmen, ist gerade in Zeiten der Corona-Pandemie groß. Davon berichtet auch die Meinerzhagener Psychiaterin Dr. Barbara Wüst
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Die Gefahr, dass Kinder die Ängste ihrer Eltern übernehmen, ist gerade in Zeiten der Corona-Pandemie groß. Davon berichtet auch die Meinerzhagener Psychiaterin Dr. Barbara Wüst.

Was macht Corona mit den Menschen? Die tatsächlich mit dem Virus Infizierten hoffen auf einen milden Verlauf, doch auch Gesunde sind betroffen. Ganz allgemein drückt Corona auf die Stimmung im Land.

Meinerzhagen – Zu spüren ist eine fast allgegenwärtige Niedergeschlagenheit. Der kurze Small-Talk in der Fußgängerzone, die schnelle Umarmung eines engen Freundes – soziale Kontakte sind gerade gar nicht angesagt.

Dr. med. Barbara Wüst aus Meinerzhagen hilft Menschen mit seelischen Problemen. Die Volmestädterin betreibt eine kinder- und jugendpsychiatrische und psychotherapeutische Praxis an der Krim. Welche Erfahrungen hat sie während der vergangenen Monate gemacht? Greift das Virus auch die Seele an? MZ-Redakteur Jürgen Beil sprach mit der Ärztin über Corona.

Ist die allgemeine Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung nach Ihrem Eindruck inzwischen tatsächlich auf dem Tiefpunkt?

Natürlich hat Corona Auswirkungen. Die sonst normale Kommunikation wird durch die Kontaktbeschränkungen weniger. Durch die Enge in den Familien sind einige natürlich gereizt. Ich persönlich sehe die Situation allerdings entspannt. Berufliche Kontakte finden jetzt eben per Videokonferenz statt.

Haben sich bereits bestehende psychische Probleme durch die Pandemie verschlimmert?

Meine Beobachtung ist, dass es vielen jetzt sogar besser geht. Durch Homeoffice und/oder Quarantäne bestimmen Betroffene oft ihre eigene Geschwindigkeit, der Druck wird rausgenommen. Deshalb glaube ich auch, dass das Splitten von Schulklassen in Präsenz- und Online-Unterricht hilfreich wäre. Beginnt der Unterricht dadurch beispielsweise erst um 11 Uhr, würde das dem Rhythmus von Jugendlichen eher entsprechen.

Sind junge Menschen ganz besonders von den Beschränkungen durch Corona betroffen?

Ganz junge Kinder sind so gut wie gar nicht betroffen. Im Gegenteil: Sie bekommen in der Regeln mehr Zuwendungen von Mama und Papa. Die Jugendlichen leiden da schon eher. Welchem 18-Jährigen will ich auch klarmachen, dass er sich derart einschränken lassen muss. Im Großen und Ganzen muss ich aber sagen, dass das jetzt eine ganz tolle Generation ist, die sich sehr bemüht. Und ich habe Verständnis für deren Sorgen und Nöte. Dass die Angst vor dem Virus bei den Jugendlichen nicht so groß ist, ist verständlich. Die Todesfälle durch Corona beziehen sich zum großen Teil auf die Generation Ü-80.

Neigen Jugendliche deshalb zu größerem Leichtsinn, was den Umgang mit der Ansteckungsgefahr angeht?

Da habe ich andere Erfahrungen gemacht. Leichtsinnig handeln eher Menschen aus der Gruppe 75 Jahre und älter. Sie tragen die Maske teilweise unter der Nase, halten den Abstand oft nicht ein. Das resultiert wohl auch daraus, dass sie sich sagen ,ich habe doch schon so viel erlebt und überstanden’...

Drohen durch Corona langfristige Schäden, können Gesunde aus diesem Grund psychisch erkranken?

Kinder und Jugendliche werden durch die Eltern geprägt. So besteht auch die Gefahr, dass sich die Ängste von Mutter und/oder Vater auf sie übertragen. Bereits Erkrankte übernehmen auch oft die Angst der Eltern. Das geht dann manchmal so weit, dass sich Betroffene nicht einmal mehr auf die eigene Terrasse trauen.

Müsste in dieser Ausnahmesituation eigentlich jeder Mensch einen Psychiater aufsuchen, um über seine Probleme zu reden?

Nein. Ich kann doch auch einiges für mich selbst tun. Die Außenreize werden weniger, man findet gut zu seiner eigenen Geschwindigkeit. ,Telefoniere mit deinem besten Freund, tausch dich aus.’ Das rate ich oft. Jeder sollte nun für sich überlegen: Worauf habe ich Bock? – und das dann tun, was ihm dazu einfällt.

Haben Sie selbst Probleme mit der Pandemie?

Eigentlich nicht. Ich weiche jetzt nachmittags aus auf die Video-Sprechstunden. Das finde ich sogar spannend. Denn dort sehe ich die Menschen ohne Masken, die die Mimik verdecken. Ich kann darüber hinaus einen Blick in die Kinderzimmer werfen und erlebe die Patienten in ihrer gewohnten Umgebung, in der sie oft entspannter sind.

Meinerzhagen liegt „auf dem Land“. Ist das während der Corona-Krise ein Vorteil?

Durchaus. Hier gibt es größere Wohneinheiten, es steht mehr Platz zur Verfügung. Und wenn man hinausgeht, steht man quasi im Wald. Man kann vieles tun, zum Beispiel geocachen, einem Harvester bei der Arbeit zusehen oder mit Holz basteln. Ich persönlich habe mehr Luft, um zum Beispiel Vorträge vorzubereiten oder mich mit Kollegen etwa in New York oder Amsterdam auszutauschen.

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