Winterliche Zwangspause am Bau sorgt für Probleme

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Dieser Mitarbeiter eines Attendorner Landschafts- und Gartenbaubetriebs unternahm in dieser Woche einen weiteren Versuch, die noch nicht fertigen Außenanlagen am neuen Gesundheitszentrum „Multimedicum“ ein Stück voranzubringen. ▪

MEINERZHAGEN ▪  Der Frühling lässt weiter auf sich warten. Und während die einen vor Kälte nur bibbern, wächst sich die Lage für viele Handwerksunternehmen inzwischen zur mittleren Katastrophe aus.

Die Bauindustrie und die Dachdecker fürchten sogar Pleiten. Gartencenter und Bekleidungsgeschäfte klagen über Umsatzeinbußen. Für viele Arbeitnehmer reißen die Minustemperaturen ein dickes Loch in die Haushaltskasse.

Dachdeckermeister Thomas Müller aus Meinerzhagen, zugleich auch Obermeister der Dachdeckerinnung Lüdenscheid, weiß auch aus eigener Anschauung um die aktuellen Sorgen und Nöte der insgesamt 35 heimischen Dachdeckerbetriebe. „Es sieht bescheiden aus“, antwortet er eher zurückhaltend auf die Frage der MZ nach der Lage seiner Branche. Seit mittlerweile fast vier Monaten sorgen Schnee, Eis und grimmige Kälte für eine nahezu lückenlose Zwangspause. „Auf die Dächer kann man bei diesen Bedingungen seine Mitarbeiter nicht schicken. Es bleiben allenfalls ein paar kleinere Reparaturmaßnahmen“, schildert der Obermeister die missliche Situation. Die meisten Betriebe haben ihre Mitarbeiter nach Hause geschickt. Da wurde zunächst auf angesammelte Überstunden auf den persönlichen Arbeitszeitkonten zurückgegriffen. Zur Vermeidung von drohenden Entlassungen können Betriebe des Bauhauptgewerbes, so auch Dachdeckerbetriebe, zudem Gebrauch machen vom so genannte Schlechtwettergeld – heute Saisonkurzarbeitergeld genannt. Doch zum einen bedeutet diese Leistung für die Betroffenen einen deutlich verkürzten Nettolohn und somit spürbare Einkommenseinbußen. Und die Regelung ist zudem nur auf den Zeitraum vom 1. Dezember bis 31. März befristet, greift daher seit Wochenbeginn nicht mehr.

„Wenn’s jetzt nicht bald wärmer wird, dann könnte es für manchen Betrieb sehr eng werden“, befürchtet Thomas Müller und verweist auf hohe Fixkosten zum Beispiel in Unternehmen, die für ihre größeren Gerätschaften Leasingverträge abgeschlossen haben und nun wegen fehlender Einnahmen in akute Bedrängnis geraten.

Dringend auf besseres Wetter hofft auch Frank Schulte von der Meinerzhagener Hochbaufirma Dittmann Bau. Von deren 25 Mitarbeitern sind aktuell nur knapp die Hälfte beschäftigt – auf Baustellen weit außerhalb, so in Düsseldorf, wo es momentan etwa fünf Grad wärmer ist als im heimischen Sauerland. „Unser Betrieb läuft leider nur auf Sparflamme.“ Auch bei Dittmann hat man auf die Schlechtwetter-Regelung in diesmal ungewöhnlich hohem und zeitlich langem Maß zurückgreifen müssen.

Ulrich Falz vom gleichnamigen Tiefbauunternehmen, das zudem auch landschaftsgärtnerische Arbeiten ausführt und für die Friedhofsgärtnerei in Meinerzhagen zuständig ist, hat einen Großteil seiner Mitarbeiter auch in diesen Tag noch in Urlaub geschickt. Weil es jetzt kein Saisonkurzarbeitergeld mehr gibt, ermöglicht er den Betroffenen, „Negativstunden“ anzusammeln, die dann, wenn es wieder losgeht, nach und nach mit anfallenden Überstunden ausgeglichen werden können. „So kann ich ansonsten notwendige Kündigungen vermeiden und meinen Personalstamm von bewährten Fachkräften halten“, erklärt Falz. Klar ist für ihn allerdings auch: „Dieser lange Ausfall wird so schnell nicht wieder aufzuholen sein.“ Die Auftragsbücher sind voll. Viele Arbeiten, so auch im Bereich der Friedhofsgärtnerei, müssen zurzeit aufgeschoben werden. „Wir stehen in den Startlöchern. Aber es wird nicht möglich sein, dann, wenn es wieder losgehen kann, alles auf einmal zu erledigen“, so Falz.

Der heimische Architekt Thomas Hanses kennt die Terminprobleme der Handwerksunternehmen nur zu gut. „Bei uns ruhen zurzeit zehn größere Baustellen vollständig“, informiert er. So liegt zum Großteil das nötige Material bereits seit Wochen bereit – wie an der Kampstraße, wo das große Mehrfamilienhaus endlich seinen Außenputz erhalten soll. „Der Putz würde an der Wand frieren und sofort schadhaft werden“, beschreibt er das Problem.

Auch Außenanlagen können momentan nicht hergestellt werden. „Man kommt ja nicht in die tief gefrorene Erde. Das ist teilweise wie Beton“, so Hanses. Das hat auch ganz handfeste finanzielle Auswirkungen auf sein Büro. So kann die große Baumaßnahme des neuen Meinerzhagener Gesundheitszentrums „Multimedicum“ noch nicht endgültig abgerechnet werden, weil sich die Herstellung der Außenanlagen seit Dezember wegen des Wetters immer wieder aus Neue hinaus zieht. Der Architekt kann sich nicht erinnern, jemals eine so lang anhaltende Ausfallzeit am Bau erlebt zu haben. „Im November mal eine Woche Schnee, dann noch einmal im Februar eine kurze Winterperiode, so war es meist. Nun ist aber seit schon gut vier Monaten Pause.“

Wann nun endlich der von allen ersehnte Frühling kommt und es auf den vielen zurzeit ruhenden Baustellen losgehen kann, ist noch ungewiss. Leise Hoffnung wecken allerdings erste Prognosen für die kommende Woche. Ab Dienstag, so der Deutsche Wetterdienst, soll es im Sauerland auch in den Nächten keine Minustemperaturen mehr geben. ▪ -fe

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