Fritz Eckenga begeistert in der Stadthalle

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Der Dortmunder Kabarettist Fritz Eckenga bei seinem Gastspiel in Meinerzhagen. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Das Grauen in Gestalt des notorisch lärmenden Nachbarn hat einen Namen und ein Gesicht:

Matthias Bongard, aus Meinerzhagen stammender Hörfunkjournalist, lebt in seiner Wahlheimatstadt Dortmund buchstäblich Wand an Wand mit dem Kabarettisten und Autor Fritz Eckenga. Und jenen Mauerdurchbruch, der im aktuellen Bühnenprogramm „Fremdenverkehr mit Einheimischen“ für Heiterkeit sorgt, hat es zumindest im Ansatz genau so gegeben. Der Versuch, eine Steckdose neu zu verlegen, wäre fast zum Desaster geworden. „Ich war aber eher auf seiner Seite als er auf meiner“, erzählt in der Extrarunde nach Programmschluss der Kabarettist und lässt schöne Grüße vom abwesenden, aber irgendwie doch auch omnipräsenten Nachbarn ans heimische Publikum ausrichten. Zur Ehrenrettung und der politischen Korrektheit halber sei angemerkt: Bongard hatte in Ermangelung eigener handwerklicher Fähigkeiten damals nicht selbst Hand angelegt an zerstörerisches schweres Gerät.

Der Nachbar als Alter Ego, unvermeidbar, penetrant, nervend, immer natürlich der andere, aber irgendwie auch in uns selbst steckend. Eine Kunstfigur aus Fleisch und Blut – lebensprall, wie alle handelnden Personen, die der 1955 in Bochum gebürtige, bekennende Ruhrgebietler Fritz Eckenga erschaffen hat. Auf Einladung von KuK am Donnerstag erneut zu Gast im oberen Volmetal, bei Sauerländern und damit bei weitläufigen Verwandten der Menschen aus dem Kohlenpott. Die Stadthalle voll besetzt. Das Publikum erkennbar begeistert.

Gut zwei Stunden Stand-Up-Comedy – die für den Protagonisten auf der Bühne wohl herausforderndste, schwierigste Form eines Soloprogramms. Kein politisches Kabarett, wie man es an gleicher Stelle beispielsweise schon von Wilfried Schmickler, Volker Pispers, Hagen Rether, Matthias Richling oder Dieter Nuhr erleben durfte. Aber keineswegs unpolitisch. Natürlich kommt auch Fritz Eckenga nicht ohne Seitenhiebe auf Westerwelle, Guttenberg, Merkel und Co. aus. Er hakt es ab. Buchstäblich, weil es am Ende mehr Pflicht als Vergnügen ob der Häufung von Pannen und Katastrophen in der Politik geworden ist, sich damit abzugeben.

Das wahre, pralle und dadurch so tragikomische Leben der Menschen spielt sich auf ganz anderer Ebene ab: Zwischen den von Hecke und Balkon getrennten Nachbarn, an der Theke – oder auch im Fußball-Stadion. Der Ball ist eben immer und überall verlässlich rund. Und die Erde is‘n Dorf. Die Welt passt in‘n Stadion. Und wer ist da der Chef: Ich, nein er, Fritz Eckenga. Wie der Stadionwart, die Zigarre in der Hand, die Bierflasche in Reichweite, über Gott (ja auch über unser aller Chef) und die Welt mit dem Anspruch auf letztgültige Weisheit philosophiert, erfreut regelmäßig die Radiohörer auch auf seinem Heimatsender WDR 2.

In der Halbzeitpause konnten auch die Besucher des vergnüglich-lehrreich-komischen Abends mit Fritz Eckenga in der heimischen Stadthalle über dieses und jenes nachdenken. „Viertelstunde nachdenken? Das schaffst Du schon. Glück auf!“

Rund zwei Stunden lang nahm Fritz Eckenga die Besucher auf sparsam dekorierter, ansonsten tief schwarzer Bühne mit auf eine spannende Reise durch die Abgründe menschlichen Daseins.

„Man kann se sich nich aussuchen!“ Zu dieser zutiefst philosophischen, weil wahren Erkenntnis kam schon der Opa von Fritz Eckenga. Solche Großeltern der Kriegsgeneration waren wohl die Letzten, die unbeleckt von den Verheißungen antiautoritärer Erziehung, Bürgerinitiativen und world-wide-web wussten, wie mann/frau ohne therapeutischen Beistand halbwegs unbeschadet durch den Dschungel des Lebens kommen kann. „Du kannst es erst sehen, wenn du es aufgemacht hast“ – eine andere Erkenntnis, die nicht nur für Handwerker, ob Profi oder Heimwerker, so sicher steht wie das Amen in der Kirche schon längst nicht mehr.

Fritz Eckenga geizt nicht mit lebenspraktischen Tipps, weiß zum Beispiel, wie man mit hundertprozentiger Erfolgsgarantie die jeden Gartenbesitzer bis auf Blut reizenden Maulwürfe vergrämt: Die größte Stereoanlage, die man auftreiben kann, voll aufdrehen. „Fünf Songs der Heulsuse Xavier Naidoo reichen, von Silbermond geht‘s auch schon mit einem, und die Tierchen nehmen garantiert Reißaus – und vielleicht der nervige Nachbar von nebenan auch...“

Unverzichtbar natürlich semantische Nachhilfe in „Ruhrisch“, dem Idiom der dort Zugewanderten und Eingeborenen im großen Schmelztiegel der Kulturen zwischen Rhein und Ruhr. „Wir sind Kulturhauptstadt und bleiben es. Jetzt versteht man unsere Sprache auch in Köln und Bayern!“ Und sogar eine bilinguale Überführung von Shakespeares Sonett 130 von Stratford-upon-Avon nach Duisburg macht Sinn. Glück auf!“ ▪ -fe

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