Flüchtlinge fassungslos

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Ahmad Al-Ward (links) ist angesichts der Kölner Verbrechen fassungslos: „Die Menschen kommen nach Deutschland, um hier ein besseres Leben zu führen. Warum machen die sowas?“. Das Gespräch mit dem jungen Syrer übersetzte dessen Landsmann Tony Bojok (rechts).

Meinerzhagen - Die Gewaltexzesse in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof beherrschen seit Tagen die Schlagzeilen. Viele Opfer der kriminellen Übergriffe leiden, sind traumatisiert. Doch die schlimmen Verbrechen einiger schaden auch dem Ansehen vieler Menschen, die in Deutschland Schutz vor Krieg und Vertreibung suchen.

In der Domstadt – nur eine Autostunde von Meinerzhagen entfernt – wurden Frauen angeblich von Nordafrikanern bedrängt, bestohlen und sexuell belästigt. Sogar Vergewaltigungen wurden angezeigt. Die Gefahr von Pauschalurteilen ist nun groß.

Ob es sich bei den Verbrechern um Flüchtlinge handelt, ist nicht einmal sicher. Und doch könnte gerade jene Bevölkerungsgruppe pauschal verurteilt werden – für etwas, womit sie unter Umständen nicht das Geringste zu tun hat. Sind also etwa auch Flüchtlinge vor Ort von den Vorkommnissen in der Kölner Silvesternacht indirekt betroffen?

Susanne Berndt ist Sprecherin des Meinerzhagener Arbeitskreises Flüchtlinge. Sie hat fast täglich Kontakt zu Hilfesuchenden.

Dass in der Volmestadt von den Flüchtlingen Gefahr droht, glaubt sie nicht: „Ich kenne hier keine Menschen, denen ich so etwas zutrauen würde. Ich halte das, was in Köln passiert ist, für untypisch. Neben der Fürsorge für die von uns betreuten Flüchtlinge haben wir natürlich auch die Aufgabe, zu beobachten. Aber da gab und gibt es in dieser Beziehung keine Auffälligkeiten.“ Susanne Berndt weiß allerdings auch, dass sich bei den Flüchtlingen der normale Bevölkerungsdurchschnitt „abbildet“: „Und da sind natürlich Personen bei, die einem vom Typ her eher nicht liegen. Doch so etwas ist normal. Wenn jemand hier eine gewisse Gewaltbereitschaft zeigt, ist er auch immer sehr schnell wieder weg. Sicherheitsbedenken habe ich in Meinerzhagen nicht.“

„Das, was da in Köln passiert ist, ist einfach schrecklich.“ Ahmad Al-Ward ist 19 Jahre alt und er wohnt in Meinerzhagen. Natürlich haben der junge Syrer und seine Bekannten hier in Deutschland gehört, was sich in der Neujahrsnacht ereignet hat. Dazu hat der junge Mann aus Latakia, der im Sozialen Bürgerzentrum „Mittendrin“ zum Zeitpunkt des Gespräches mit der MZ gerade Tee trank, eine klare Meinung: „Die Menschen kommen nach Deutschland, um hier ein besseres Leben zu führen. Warum machen die sowas?“, fragt er sich immer wieder. Eine Antwort hat er noch nicht gefunden. Doch auch er hat Angst, dass Flüchtlinge nun pauschal vorverurteilt werden könnten: „Ich kann mir schon vorstellen, dass die Angst in der deutschen Bevölkerung steigt. Und ich habe Angst davor, dass sich die Stimmung nun ganz grundlegend ändert.“

Gemerkt hat Ahmad Al-Ward das bislang aber noch nicht: „Hier in Meinerzhagen sind alle so nett wie immer. Hier läuft es für uns so weiter wie gewohnt, ohne dass uns jemand schief anguckt.“ Das bestätigt spontan auch ein 19-jähriger Albaner am Nebentisch: „Ich kenne mich und meine Freunde – so etwa zu machen, käme keinem von uns in den Sinn.“ Generelle Auswirkungen auf Flüchtlinge hält aber auch er nicht für unmöglich: „Aber das hier ist eine Demokratie und die Menschen können doch denken, was sie wollen.“

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