Flüchtlinge in Meinerzhagen

Angst vor den Taliban zwingt Naseem zur Flucht

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Muhammad Naseem Khan (rechts) zusammen mit dem Dolmetscher in seinem Zimmer in der Unterkunft.

Meinerzhagen - Ein Obdachlosenheim und eine Turnhalle in Meinerzhagen werden zu Notunterkünften für Flüchtlinge umfunktioniert. Die Bewohner verbindet die Flucht. Auch Muhammad Naseem Khan ist geflüchtet - vor den Taliban. Der Pakistaner erzählt seine Geschichte.

Muhammad Naseem Khan ist einer der Flüchtlinge, die in einer Notunterkunft leben. Er ist Pakistaner, seit zehn Monaten lebt er in Deutschland. Er kam zunächst in die Erstaufnahmestelle nach Gießen, über Schöppingen fand er den Weg nach Meinerzhagen. Genauer gesagt an die Schlenker Straße.

Dort lebt er auf drei Etagen zusammen mit Flüchtlingen aus Eritrea oder auch Syrien. In seiner Heimat war Naseem Lehrer an einer Mädchenschule in Karachi, zusammen mit seinem Vater. Seine Geschichte ist lang, kein Detail auf seinem Weg nach Deutschland hat Naseem vergessen.

Gegen religiöse Herrscher aufgelehnt

Geflohen sei er, weil die Taliban ihn suchten. Erst in Karachi, später auch in einem kleinen Ort, in den er flüchtete. In Pakistan war sein Leben nicht mehr sicher. Probleme bekam Naseem auch, weil er sich gegen die religiösen Herrscher auflehnte. Für einige seiner Mitstreiter endete das tödlich.

„Wir saßen in einem Büro und fragten die örtlichen Machthaber, wieso wir keine Mädchen mehr unterrichten sollten. Es wurde ein wenig lauter. Ich notierte mir etwas. Da zog unser Gegenüber die Kalaschnikow. Zwei von uns wurden verletzt, der andere war tot.“

"Mein Vater sagte, ich solle mich retten und fliehen."

Bei den Wahlen wurden die Menschen in seinem Ort gezwungen, für die religiöse Partei zu stimmen. Seine Anzeige habe die Polizei nicht aufnehmen wollen. „Die Polizei hat weggesehen“, sagt Naseem. Irgendwann wurde es zu gefährlich. „Mein Vater sagte, ich solle mich retten und fliehen.“

Die erste Station auf der Flucht war der Oman. Naseem fand eine Arbeit, verdiente gut. Doch auch im Oman konnte er nicht bleiben, die Taliban verfolgten ihn. „Ich bin zu meinem Chef gegangen. Der hat mir geholfen, dass ich nach Spanien komme.“

Zwischenzeitlich hatten die Taliban seinen Vater gefunden. Dieser sei angeschossen worden, habe Verletzungen am Bein erlitten. In Spanien angekommen telefonierte Naseem mit seinem Vater und berichtete, dass er in Europa sei. „Er hat mir geraten, nach Deutschland zu gehen. Die Menschen hier seien sehr nett“, erzählt der Flüchtling.

Nun sitzt Naseem in seinem Zimmer und ist zufrieden. „Ja, ich fühle mich wohl hier. Deutschland hat mir viel gegeben, hier bin ich sicher. Ich möchte bleiben.“

Ohne Familie nach Deutschland gekommen

Heimweh hat er trotzdem, denn er kam alleine nach Deutschland. Stolz zeigt Naseem die Fotos seiner zehn und sechs Jahre alten Söhne. „Ich würde meine Familie gerne hier haben. Ich habe lange dafür gekämpft, dass in meiner Heimat Bildung möglich ist. Und meine Kinder haben nichts davon. Meine Frau muss mit ihnen alle vier Monate woanders hin“, bedauert er. Nicht nur deshalb ist seine größte Hoffnung, dass sein Asylantrag bald anerkannt wird – dann könnte seine Familie ihm folgen. 

Von Florian Herrmann

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