Finanzmisere sorgt für personelle Einschnitte

Viele Besucher kamen ins Gemeindehaus um zu erfahren, wie und wo gespart werden soll.

MEINERZHAGEN ▪ Es war eine gewollte Provokation.

In ihr dokumentierten sich der Frust und Enttäuschung, aber auch Ratlosigkeit: Jugendliche aus dem Nord-Bezirk der Gemeinde zertrümmerten ein Modell der Johanneskirche, begleitet von Hinweisen auf den dort bevorstehenden Abbau von kirchlichen Angeboten. Dieser turbulente Beginn der Gemeindeversammlung im überfüllten Saal des Gemeindehauses Am Kirchplatz demonstrierte symbolhaft den Ernst der Lage. „Unser Mantel ist zu weit geworden, wir müssen ihn anpassen auf die heutigen Verhältnisse“, stellte Pastor Friedrich Tometten fest.

Das Presbyterium, bestehend aus 16 Ehrenamtlichen als gewählte Vertreter der Gemeinde und den drei Pfarrern, muss unter dem Druck der Ereignisse handeln. Ein letztes Mal konnte der gemeindliche Haushalt für das laufende Jahr durch nunmehr vollständige Inanspruchnahme der Rücklagen gedeckt werden.

Ein nicht ausgeglichener Haushalt ist kirchenrechtlich unzulässig, eine Kreditfinanzierung nicht statthaft. Es droht der Verlust der gemeindlichen Selbstbestimmung durch haushaltsrechtliche Zwangsmaßnahmen des Kreiskirchenamtes.

Das wird man für 2011 voraussichtlich abwenden können, weil Wege zur Verbesserung der Finanzlage gefunden worden sind. Noch wird es keine Schließung von Gebäuden geben. Gespart wird im Personalbereich. Aber auch das wird Folgen auf gemeindliche Strukturen und Angebote haben.

Das Presbyterium hatte für Dienstag die Gemeinde zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. „Noch ist nichts beschlossen, aber Wesentliches ist bereits bedacht worden“, erklärte zu Beginn der amtierende Presbyteriumsvorsitzende, Pastor Klaus Kemper-Kohlhase. Man wolle die Meinung der Gemeinde einholen, um dann die notwendigen Beschlüsse „in aller Ruhe und verantwortlich zu fassen“.

Doch am Ende der fast zweistündigen, sehr engagiert mit vielen Wortbeiträgen aus den Reihen der Gemeindemitglieder geführten Versammlung stand die ernüchternde Erkenntnis: Es gibt keine Alternative zum Sparen. „Wir schrumpfen und müssen die Strukturen anpassen“, konstatierte mit Blick auf die Mitgliederentwicklung Pastor Tometten.

9000 Gemeindemitglieder noch in den 70ern, 7500 im Jahr 2003, aktuell noch rund 6000. Die demografische Entwicklung vor allem, weniger Kirchenaustritte beeinflussen diesen Prozess. Und der geht einher auch mit einem strukturell rückläufigen Kirchensteueraufkommen, wie es Superintendent Klaus Majoress als Gast der Versammlung veranschaulichte. Bis 2030, so die Prognosen, werde sich die Zahl der Gemeindemitglieder noch einmal um rund ein Drittel verringern. Die Einnahmen würden sich sogar halbieren. Majoress ließ keinen Zweifel daran, dass einschneidende Sparmaßnahmen unvermeidbar sind.

Was das Presbyterium am Dienstag an Vorschlägen präsentierte, die nun kurzfristig umgesetzt, für 2011 wirksam werden und den Haushaltsausgleich ermöglichen sollen, dürfte dabei nur ein erster Schritt sein. Das machten alle Verantwortlichen mehr oder weniger deutlich klar. Gespart wird bei den drei Pfarrstellen. Es bleiben zwar alle drei Amtsinhaber weiter in der Gemeinde tätig. Doch durch Übernahme zusätzlicher Aufgaben, die fremdfinanziert werden, wird rein finanztechnisch eine Entlastung um 0,7 Pfarrerstellen erreicht.

Dahinter steht Folgendes: Pastor Friedrich Tometten weitet sein vom Evangelischen Missionswerk finanziertes Engagement in Papua/Neuguinea von bislang zwei Monaten im Jahr auf künftig vier aus. Seit dem neuen Schuljahr jeweils an einem Tag in der Woche erteilen Pastorin Petra Handke und Pastor Klaus Kemper-Kohlhase Religionsunterricht an Hauptschulen in Meinerzhagen bzw. Attendorn.

Was der Gemeinde Geld erspart, geht andererseits natürlich zu Lasten der Arbeit der drei Seelsorger in der Gemeinde selbst. Abstriche müssen gemacht, Strukturen angepasst werden.

So soll es künftig keine drei Pfarrbezirke mehr geben, stattdessen zwei Seelsorgebereiche: Den Bereich West mit der Jesus-Christus-Kirche, den Bereich Ost mit der Johanneskirche und den Pastoren Kemper-Kohlhase bzw. Petra Handke als festen Ansprechpartnern für Amtshandlungen. Friedrich Tometten bleibt für die Zeit seiner Anwesenheit in Meinerzhagen schwerpunktmäßig an der Johanneskirche tätig und vertritt ansonsten auch seine beiden Kollegen je nach Bedarf.

Der Konfirmandenunterricht künftig nur noch an einem Ort (Gemeindehaus Am Kirchplatz), die Zusammenlegung der Frauenkreise, veränderte sonntägliche Gottesdienstzeiten (9.15 Uhr Johanneskirche, 10.30 Uhr Jesus-Christus-Kirche) sind weitere sich abzeichnende Folgen aus den veränderten Strukturen.

An die Aufgabe von Gebäuden sei derzeit nicht gedacht, wurde seitens des Presbyteriums versichert. Gleichwohl ließ Baukirchmeister Christof Sönchen keinen Zweifel daran: „Bei weiter rückläufiger Entwicklung der Mitgliederzahl in unserer Gemeinde wird man darüber sicherlich auch sprechen müssen.“ ▪ -fe

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