Fast jeder Bürger war ein Milliardär

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Heinz-Albert Soennecken mit seinen Sammlerstücken – darunter auch solche aus dem Inflationsjahr 1923. ▪

MEINERZHAGEN ▪ In der Jubiläumsausgabe der MZ zum einhundertjährigen Bestehen war als Illustration der Chronik auch ein Geldschein aus dem Inflationsjahr 1923 abgebildet – herausgegeben von der Gemeinde Valbert, ausgestellt auf den aus heutiger Sicht unvorstellbaren Geldbetrag von einer Billion Mark!

Auch MZ-Leser Heinz-Albert Soennecken hat mit Interesse unsere Beilage studiert – und fühlte sich als Sammler von alten Münzen und Geldscheinen zugleich auch persönlich angesprochen.

So besitzt Heinz-Albert Soennecken selbst auch einige Notgeldscheine aus der Zeit, als die Währung immer mehr an Wert verlor und man unvorstellbare Summen zum Beispiel für ein Ei oder ein Brot bezahlen musste. Einer seiner Geldscheine ist auf den Wert von zwei Billionen Mark ausgestellt – vom Vorstand der Gemeinde Meinerzhagen unter dem Datum 15. November 1923.

Den Schein hatte der Meinerzhagener von seinem mittlerweile verstorbenen Onkel Ernst-Werner Soe nnecken aus Hunswinkel geerbt. Der war als Lebensmittelhändler bei Auslieferungen viel in den Ortschaften der Umgebung herum gekommen und hatte, selbst immer auf der Suche nach historischen Zeugnissen, dabei wohl auch jenen Geldschein aus der Inflationszeit bei einem seiner Kunde entdeckt und für seine Sammlung vermutlich im Tausch gegen Naturalien erstehen können.

Gemessen an dem, was sich in Jahren von 1914 bis zum Höhepunkt im Jahr 1923 an Geldentwertung in Deutschland vollzog, dürften sich aktuelle Besorgnisse um die Stabilität des Euro deutlich relativieren.

„Die deutsche Inflation von 1914 bis November 1923 war eine der radikalsten Geldentwertungen, die eine der großen Industrienationen erlebt hat. Die Vorgeschichte dieser Hyperinflation findet sich in der Finanzierung des Ersten Weltkrieges. Mit dem Ende des Krieges 1918 hatte die Mark bereits offiziell mehr als die Hälfte ihres Wertes (genauer: ihrer Kaufkraft im Innen- und Außenverhältnis) verloren, wobei auf dem Schwarzmarkt der Inflationsindex noch wesentlich höher lag. Eigentliche Ursache der ab 1919 schon beginnenden Hyperinflation war die massive Ausweitung der Geldmenge durch den Staat in den Anfangsjahren der Weimarer Republik, um die Staatsschulden zu beseitigen“, beschreibt die Online-Enzyklopädie Wikipedia den historischen Hintergrund. Und weiter: „Währungstechnisch wurden die Inflation und die damit verbundenen Spekulationen am 15. November 1923 durch die Ablösung der Papiermark mit Einführung der Rentenmark (wertgleich mit der späteren Reichsmark) beendet. Körperlich mussten die am 15. November 1923 gültigen Papiermarkscheine aber noch bis Anfang 1925 als wertstabiles „Notgeld“ (Kurs: 1 Billion Mark = 1 Rentenmark) dienen, denn die neue Rentenmark konnte nur langsam in Umlauf gesetzt werden. So erhielten beispielsweise die Mitarbeiter der Farbwerke Hoechst noch bis Anfang 1925 ihre Löhne nur teilweise in neuen Rentenmark-Scheinen und den Rest in Notgeld-Scheinen.

Durch die inflationäre Geldentwertung wurden die ökonomischen und sozialen Lasten des verlorenen Krieges von der Masse der abhängig Beschäftigten und den reinen Geldvermögensbesitzern getragen. Erst 1928 erreichten die Reallöhne im Durchschnitt wieder das Niveau des Jahres 1913 (nach den Zahlen der amtlichen Statistik). Ein wesentlicher Teil der Mittelschichten – gewohnt, ihr Leben ohne Hilfe des Staates zu gestalten, ja Feinde des Sozialstaates – fand sich in Armut wieder. Ihre finanziellen Rücklagen schmolzen in der Inflation bis auf kümmerliche Reste dahin.“

Hartgeld gab es in jener Zeit so gut wie gar nicht mehr – und sobald Hartgeld doch wieder geprägt wurde, verschwand es – wie die Meinerzhagener Zeitung in ihrer Ausgabe vom 17. November 1923 berichtet, „in den Hamsterkästen“. Weiter ist zu lesen: „Im Februar dieses Jahres gab es 200-Mark-Stücke aus Aluminium. Die hat ein findiger Kopf zu 250 Mark in großen Mengen aufgekauft und zu Fingerhüten verarbeitet, die er dann zu 100 Mark absetzte.“ Auch die 10 000-Mark-Stücke, die sogenannten „Ruhr-Dukaten“, waren bei Sammlern sehr begehrt, verschwanden ebenso wie die 500-Mark-Stücke aus Aluminium.

Es gab also kein Hartgeld mehr. Dafür raschelte es in der Brieftasche. Die Meinerzhagener Zeitung schrieb: „Die Hausfrau trägt schon beinahe im Geldtäschchen die Waren heim und in der umfangreichen Markttasche das nötige Kleingeld.“

Und wie jagte ein Schein den anderen! Wir lesen: „Im Oktober 1922 konnte man einen 10 000-Mark-Schein in Berlin nur schwer gewechselt bekommen. Alles jammerte nach kleineren Geldsorten. Im Januar des Jahres 1923 aber operierte man schon mit 50 000-Mark-Scheinen, im Juni kamen die 500 000-Mark-Scheine und im Juli rüstete sich die Reichsbank endlich zur Herausgabe des ‚lang ersehnten‘ Millionen-Scheines. Im August wurden die Vorbereitungen getroffen für die 10-, 20-, 50- und 100-Millionen-Scheine, im September kamen 500 000-Millionen-Scheine in Verkehr, und noch im selben Monat tauchten die aus alten 1000-Mark-Scheine durch Überdruck hergestellten Milliarden-Scheine auf. Ihnen folgten schon im Oktober die 5- und 10-Milliarden-Scheine. Jetzt haben wir Billionen-Scheine.“ So die Meinerzhagener Zeitung am 17. November 1923. Die Inflations-Geldscheine für Meinerzhagen und Valbert wurden übrigens seinerzeit hergestellt von der 1902 in Meinerzhagen gegründeten Druckerei Emil Groll.

Anlässlich des Empfangs zum 100-jährigen Bestehen der MZ am vergangenen Samstag erinnerte übrigens der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Matthias Heider in seinem Grußwort daran, dass es mit dem Euro seit der Gründung der MZ nunmehr die fünfte Währung in Deutschland gebe: Die Goldmark (bis 1923), die Rentenmark (1923 - 1924), die Reichsmark (1924 - 1948) und die Deutsche Mark (1948 bis 2001). ▪ -fe

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