Familie fängt nach dem Brand völlig neu an

Das Luftbild zeigt das Anwesen Neu-Hohlinden nach dem Brand: Rechts das total zerstörte Wohngebäude, daneben die unversehrt gebliebene Anlage des Reiterhofes. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Vier Tage nach dem verheerenden Gebäudebrand in Neu-Hohlinden beginnt für die betroffenen Bewohner sich das Leben allmählich wieder zu normalisieren.

Sie haben nur das retten können, was sie am Leibe trugen. Zu schnell hatten sich die Flammen ausgebreitet. Alles ist verloren: Mobiliar, Kleidung, Erinnerungsstücke, Dekoration, Bücher, Schallplatten und CDs, die Kuscheltiere und Schultornister der Kinder, Fotoalben und Dokumente. „Aber das Wichtigste ist: Wir alle sind gesund geblieben. Sogar unsere Katze Bonita kroch am Sonntag Morgen wie durch ein Wunder lebend aus den rauchenden Trümmern des Hauses und ist mittlerweile nach Behandlung durch die Tierärztin wohlauf“, berichtet Rainer Kirchner (59), einer der acht Hausbewohner. In Erinnerung geblieben sind ihm und seiner Familie neben den dramatischen Bildern des Brandes vor allem viele Gesten der Solidarität und Unterstützung durch Nachbarn, Freunde und Bekannte und selbst von wildfremden Leuten, die spontan Hilfe anboten und auch leisteten.

Fest steht: „Wir werden das Haus wieder aufbauen!“, so Kirchner. Das Anwesen war ausreichend versichert, so dass es danach aussieht, als sollte die finanzielle Basis dafür gesichert sein. Doch noch sind viele Formalitäten und Fragen abzuklären und zu lösen. Gutachter sind seitens der Versicherung eingeschaltet und schon tätig. Zur Feststellung der genauen Brandursache setzt auch die Kripo einen Brandsachverständigen ein. Der wird allerdings erst für heute (!) erwartet. Bis man wieder auf Neu-Hohlinden einziehen kann, werden noch viele Monate vergehen. Bis dahin muss man mit Provisorien leben und sich einschränken. Rainer Kirchner hat als Journalist im Lokalen in seiner langen Berufstätigkeit selbst über zahlreiche Brände stets aktuell berichtet. „Was danach passierte, wie es den Betroffenen erging, das blieb dann aber meist doch unerwähnt“, resümiert er. Er will nun, durch das eigene Erleben sensibilisiert, für eine Langzeitreportage in der MZ zur Verfügung stehen und so dazu beitragen, dass interessierte Leser auch an der Nachbereitung eines solchen Brandunglücks Anteil nehmen können.

Das betroffene Anwesen Neu-Hohlinden 1 befindet sich über viele Generationen hinweg im Familienbesitz. Es war der Stammsitz der Familie Busch, später Rolle. Gerda Rolle, die gerade ihren 75. Geburtstag feiern konnte, lebt zeitlebens hier. Die Viehhaltung hat man vor Jahren aufgegeben. Tochter Sabine (50) und ihr Lebensgefährte Peter Jestrup (60) betreiben einen Reiterhof mit rund 30 Pensionspferden. Sabines Sohn Dennis (20) absolviert zurzeit eine Ausbildung zum Landwirt auf dem Hof Schriever in Kierspe und lebt ebenfalls im großen Haus. Rainer Kirchner heiratete die zweite Rolle-Tochter Beate (45), mit der er die beiden Töchter Alea (12) und Fiona (7) hat. Platz genug für die acht Personen bot das nach und nach ausgebaute und erweiterte Bauernhaus reichlich auf zuletzt rund 600 Quadratmetern. Gerade war man dabei, den Ausbau des Dachgeschosses abzuschließen.

Am vergangenen Samstag waren alle Zuhause. Dennis Rolle war der Erste, der gegen 18 Uhr das Feuer bemerkte. In seinem Zimmer hatte er aus Richtung des großen Kaminofens, mit dem das Gebäude weitgehend beheizt werden konnte, ein ungewöhnliches, knisterndes Geräusch vernommen. Er öffnete eine nach oben führende Luke, aus der ihm schon Rauch und Flammen entgegen schlugen. Dennis alarmierte die übrigen Hausbewohner.

Rainer Kirchner berichtet: „Wir glaubten da noch, es handele sich um einen harmlosen Schornsteinbrand.“ Feuerlöscher und wassergefüllte Eimer sollten zum Einsatz gebracht werden. Doch dass dies ein hoffnungsloses Unterfangen war, zeigte sich schnell. Nachdem die ersten Flammen die Dachhaut beschädigten, sorgte der böige Wind in dem lang gestreckten Gebäude in exponierter Hanglage für ein weiteres Anfachen. Als die ersten Einsatzkräfte der Feuerwehr aus Lengelscheid kommend eintrafen, stand der Dachstuhl auf gesamter Hauslänge von rund 30 Metern in hellen Flammen. Bis weit nach Mitternacht bekämpften insgesamt 110 Feuerwehrleute der gesamten Stadtwehr das Feuer. Immerhin gelang es ihnen, das Übergreifen der Flammen auf angrenzende Gebäudeteile und die Pferdeställe zu verhindern. Das Wohngebäude jedoch verwandelte sich in eine rauchende Ruine.

Seniorin Gerda Rolle konnte es lange nicht fassen und musste mit sanftem Druck daran gehindert werden, zurück ins noch brennende Haus zu laufen, um noch etwas zu retten. Bereits zum zweiten Mal musste sie miterleben, wie ihr Besitz durch Feuer zerstört wurde. 1968 hatte es schon einmal auf Neu-Hohlinden gebrannt. Damals hatte ein auf dem Hof als Helfer beschäftigter Insasse einer Erziehungseinrichtung verbotener Weise geraucht und dadurch fahrlässig das Feuer ausgelöst.

Helfer des DRK kümmerten sich um Gerda Rolle und die übrigen Hausbewohner. Rainer Kirchner erlitt einen Zuckerschock. Im Krankenhaus traf er auf seine Frau, die kurz nach ihm wegen des Verdachts auf Rauchvergiftung ebenfalls eingeliefert worden war. Beide konnten aber noch in der Nacht zu ihren Kindern und den übrigen Familienangehörigen zurückkehren. „Wir sind alle bei Nachbarn untergekommen. Die haben sich wirklich rührend um uns gekümmert“, berichtet Kirchner.

Am Sonntag ging es zunächst vorrangig darum, für die durch das verheerende Feuer obdachlos gewordenen Bewohner für die nächste Zeit eine feste Bleibe zu finden. Ute Otto vom Ordnungsamt der Stadt vermittelte die Unterbringung von Familie Kirchner in der Pension Haus Kniese in Hahnenbecke. In Kürze kann man in ein Ferienhaus in Neuemühle umziehen. Die übrigen Hausbewohner kamen in einer leer stehenden Ferienwohnung in Wiebelsaat unter.

Nach Bekanntwerden des Brandunglücks setzte eine große Welle der Hilfsbereitschaft ein. Mitarbeiter des sozialen Bürgerzentrums „Mittendrin“ brachten noch am Sonntag mehrere Säcke mit gebrauchter Kleidung vorbei. Dennoch war es am folgenden Montag erst einmal problematisch, ausreichend Bargeld für die nötigsten Anschaffungen, wie vor allem Bekleidung und Schuhwerk zu besorgen. Rainer Kirchner blitzte bei der Sparkasse als seiner Hausbank mit dem Wunsch nach einer vorübergehenden finanziellen Überbrückungshilfe ab. „Die wollten mir ohne Absicherung keine 500 Euro geben“, ärgert er sich darüber maßlos. Die Volksbank in Kierspe, mit der man wegen der Finanzierung des Hausumbaus zusammenarbeitete, zeigte sich nach Kirchners Angaben flexibler, stellte am Nachmittag eine ausreichenden Bargeldbetrag zur Verfügung.

Prompt und unbürokratisch reagierte der Arbeitgeber von Kirchners Frau Beate, die erst seit kurzer Zeit für Beiersdorf in Hamburg im Außendienst tätig ist. Urlaub für die nächsten zwei Wochen, per Blitzanweisung auch eine Vorauszahlung auf die nächsten Gehälter. Einige Kollegen kamen schon am Sonntag vorbei und boten Unterstützung an. Mittlerweile haben Freunde aus Lengelscheid einen Bauwagen auf dem Gelände des Reiterhofs postiert. Der dient jetzt als behelfsmäßige Anlaufstelle. Der Betrieb auf dem Reiterhof konnte wieder aufgenommen worden.

Wie es der Familie Rolle/Kirchner weiter ergeht, wie sie ihr Schicksal, abgebrannt zu sein, bewältigt und wieder völlig neu anfängt, darüber wird die Meinerzhagener Zeitung in der nächsten Zeit in lockerer Folge berichten.

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