Die Armee der Borkenkäfer: Explosionsartige Vermehrung bereitet große Sorgen

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Oft sieht Matthias Borgmann den Käferbefall bereits im Vorbeifahren. Auch diese Bestände erfasst er sofort mit seinem Tablet-PC.

„Vor einem Jahr wäre das hier ein riesiges Käferloch gewesen. Jetzt ist es unser kleinstes.“ Was Förster Matthias Borgmann mit diesem Vergleich deutlich macht, kommt für ihn einer Katastrophe gleich.

Milliarden Borkenkäfer befallen auch im heimischen Staatsforst vornehmlich Fichten. Die kahlen Stellen im Wald, an denen die betroffenen Bäume gefällt wurden, heißen im Fachjargon Käferlöcher. Und davon gibt es gerade reichlich. 

Der Tagesablauf von Matthias Borgmann ist zurzeit immer ähnlich. Er geht durch sein Beckerhofer Revier, schaut nach Fichten, an denen die Rinde abfällt, oder nach kleinen Bohrlöchern in der Borke. Auch eine Art feines und rötlich gefärbtes Sägemehl am Fuße eines Baumes deutet darauf hin: Hier verrichtet der Borkenkäfer sein zerstörerisches Werk. Die Käfer wirken unter der Rinde, sie graben winzige Gänge ins Holz. Die reichen allerdings aus, um die Wasserzufuhr zu unterbinden. So sind auch braune Baumkronen ein untrügliches Zeichen für einen „Käferbaum“. Borgmann: „Zuerst werden die Spitzen nicht mehr mit Wasser versorgt, das sieht man dann.“ 

Borkenkäfer hat es eigentlich schon immer gegeben. Seit gut einem Jahr vermehren sie sich allerdings explosionsartig. Auch dadurch, dass Niederschläge selten sind. Was die kleinen Tierchen anrichten, hat Folgen: Die geschädigten Bäume müssen so schnell wie möglich raus aus dem Wald, um eine Verbreitung auf Nachbarbäume zu verhindern. Also werden sie gefällt. Doch wohin mit dem massenhaft anfallenden Holz? Ins Reich der Mitte, nach China! Dort ist durch den Handelskrieg mit den USA gerade Europa in den Fokus gerückt – zumindest, was den Holzhandel angeht.

Förster Matthias Borgmann vom Landesbetrieb Wald und Holz.NRW ist froh, dass Holz aus dem Staatsforst am anderen Ende der Welt sehr begehrt ist – auch solches, das dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen ist. Und so werden viele Stämme aus Beckerhof in Containern den Weg ans andere Ende der Welt antreten. Bei der Bereitstellung des Bauholzes für Peking ist allerdings größte Sorgfalt vonnöten. Zunächst müssen die auf genau 11,60 Meter Länge zugeschnittenen Fichtenstämme „begiftet“ werden, um auch dem letzten Borkenkäfer den Garaus zu machen. Das passiere, so Borgmann, allerdings nicht im heimischen Wald. „Die Container werden von Rotterdam beziehungsweise Antwerpen aus verschickt. Und in diesen Häfen wird auch begiftet“, erläutert er. 

Sind die Bäume aus dem Sauerland dann in China angekommen, werden sie einer strengen Prüfung unterzogen. „Fehlt auch nur ein Stamm in einem Container, wird der mitsamt Inhalt wieder zurückgeschickt“, hat Borgmann erfahren. Und auch die Länge muss genau passen. Natürlich darf im Zielhafen auch kein einziges Krabbeltier als schwarzer Passagier mit dem begehrten Bauholz ankommen. 

Eigentlich gehört auch der Waldumbau zu Matthias Borgmanns Kerngeschäft. Doch der kommt momentan ein wenig zu kurz. Statt klimaresistentere Bäume zu pflanzen, sind die Förster in den Staatswäldern mit dem Käferholz mehr als ausgelastet. Die Lage hat sich dabei innerhalb von nur einem Jahr drastisch verschlechtert: „Zunächst waren nur Flächen unterhalb der 400-Meter-Grenze betroffen, inzwischen sind Borkenkäfer auch in höheren Lagen in großer Zahl anzutreffen“, berichtet Borgmann von einer Entwicklung, die zunehmend Sorgen bereitet. 

Immerhin: Im Kampf gegen den Borkenkäfer wird seit einiger Zeit auch Elektronik unterstützend eingesetzt. Matthias Borgmanns ständiger Begleiter ist ein Tablet-PC. Damit erfasst er befallene Bereiche, markiert sie rot und hält die Koordinaten fest. Die werden dann an die Waldarbeiter weitergeleitet, die das Schadholz aufarbeiten. Gelb steht für Gebiete, in denen seine Mitarbeiter oder Fremdunternehmen gerade tätig sind. Und grün sind die Orte gekennzeichnet, an denen die Käfer bereits samt der befallenen Bäume entfernt wurden. Noch sieht Matthias Borgmann allerdings ganz viel Rot. Ein Kampf gegen Windmühlen...

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