„Kein Rezept zur Zukunftszuversicht“

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Margot Käßmann (Zweite von links) war zu Gast beim Volksbank-Forum in der Stadthalle. ▪

MEINERZHAGEN ▪ „Ich fühle eine Art Unbehagen. Rettungsmilliarden für Banken, ganze Volkswirtschaften sollen gerettet werden – das hat schon biblische Ausmaße.“

Prof. Dr. Dr. hc. Margot Käßmann referierte am Mittwochabend beim Volksbank-Forum zum Thema „Was wirklich zählt. Christliche Werte in unserer Gesellschaft“. Zuvor hatte Vorstandssprecher Karl-Michael Dommes betont, dass man sich seit der Gründung der Bank vor mehr als 123 Jahren Werten wie Fairness, Verantwortung, Partnerschaftlichkeit und Solidarität verpflichtet habe.

Banken-, Staatsschulden-, Euro- und Vertrauenskrise – „wir waren das nicht, die diese Krisen der letzten Jahre losgetreten haben.“ Das zunächst viel belächelte genossenschaftliche Geschäftsmodell finde daher zumehmend Nachahmer. Gleichwohl sei zu fragen: Passen unsere Wertvorstellungen noch in die Zeit und werden sie auch von unseren rund 400 Mitarbeitern im MK gelebt? Parallelen zog Dommes zur Regionale in Südwestfalen, wo deren Geschäftsführer Dirk Glaser – auch Moderator der Veranstaltung in der mit 300 Zuhörern „ausgebuchten“ Stadthalle – Unglaubliches geleistet habe: Nicht nur, dass die 28 Projekte mit einem dritten Stern ausgezeichnet wurden; sondern vor allem, weil es unter den Beteiligten und Verantwortlichen in den fünf Landkreisen noch niemals zuvor so intensive Kontakte für ein gemeinsames Anliegen gegeben habe.

„Das Christentum ist eine Globalisierungsbewegung, sieben Prozent der Menschheit gehören einer christlichen Gemeinschaft an“, gab die Referentin einen Überblick. Im Unterschied zu Amerika oder Afrika sei Europa schon durch die Kindererziehung christlich geprägt. Fünf Millionen besuchten sonntags den Gottesdienst, nur rund 700 000 die Fußballstadien. Aktuell sei Religion eine Sache zum Aussuchen. „Buddhismus ist im Moment sehr schick, und für Madonna ist es die jüdische Mystik. Dass bei uns viele Menschen keiner Religion angehören, das ist im Land der Reformation eine Tragödie.“

Den Zehn Geboten komme die Funktion als Richtschnur für ein gesellschaftliches Miteinander zu, trotz der Unzulänglichkeiten menschlichen Handelns. „Wir wollen nicht wahrhaben, dass in Afghanistan Krieg herrscht“, reflektierte sie eigene Erkenntnisse und auch dies: „Ich bin selbst geschieden, und ich bin dankbar dafür.“ Die Gesellschaft brauche aber die Verlässlichkeit von Familien. Das 8. Gebot „Du sollst nicht falsch’ Zeugnis reden“ legte sie MdB Petra Crone nahe: „Das wär doch mal was für den Wahlkampf.“ Ein Bewusstsein für das, was man wirklich braucht, mahnte sie an und Respekt vor dem Glauben anderer Menschen. Gleichwohl hätten in Europa unsere Werte Geltung: „Wir müssen für unsere Grundwerte offensiv einstehen.“ Die Wirtschaft sei ein eigener Bereich, es müsse aber ein Zusammenspiel mit Kultur und Traditionen, Heimat und Wurzeln geben. Es müsse ein kreativer Prozess von Geben und Nehmen einsetzen, sozusagen eine Ökonomie für das Leben. Wirtschaftliche - und Konsumzwänge seien dem Zusammenleben abträglich. Da drohe der kollektive Burnout. „Es geht immer um Innovation, wir sind so kurzlebig geworden. Wir können auch frei sein von materiellen Dingen. Die wahren Werte kann man ohnehin nicht kaufen, es zählen nicht nur Berufs- oder Erwerbsleistung. Kinder sind ein Wert, die Erziehungs- oder auch Pflegearbeit von Frauen, der ehrenamtliche Einsatz“, zählte sie auf.

In der Diskussion erläuterte Jörn Bielenberg, Geschäftsführer der Marienheider Firma August Rüggeberg, den vielseitigen Nutzen der dort gepflegten Unternehmenskultur. Das Familienunternehmen sei auch eines für die Familien, und der Arbeitnehmer verbleibe dort durchschnittlich 20 Jahre lang. Weltweit am Markt, mit Produktionsstandorten in mehreren Ländern, bleibe eine rund 900 Mitarbeiter zählende Belegschaft und das Know-how der Premiumprodukte in Deutschland erhalten.

Petra Crone sieht in der Krise auch eine Chance für mehr soziale Marktwirtschaft; auch angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Pfarrerin Petra Handke möchte mit mehr Zeit für Familie und Freundschaften, Engagement und Heimatverbundenheit der Abwanderung der Jugend vorbeugen. „Aber die alten Modelle ziehen nicht einfach so. Kinder und Jugendliche haben da wenig Möglichkeiten, auf ihnen lastet ein hoher Druck.“ VB-Vorstandsmitglied Roland Krebs hinterfragt selbstkritisch das Tun in seiner Position, um einen positiven Beitrag für die Gesellschaft und das Miteinander zu leisten.

„Ich hab’ kein Rezept zur Zukunftszuversicht“, bekannte Margot Käßmann. Sie empfahl Individualität statt Vereinzelung, Entschleunigung, Alleinsein, Runterkommen, Anhalten, Aussteigen. Eine „Ökonomisierung aller Lebensbereiche“. ▪ As

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