Erinnerungen an früheres Volme-Hochwasser

„Vor Feuer kannst du weglaufen“

Hinter dem Zaun aus Holz floss die Volme auf die ehemalige Fabrik von Lohmann und Welschehold zu. Rechts ist das Elternhaus von Günter Lüsebrink abgebildet, davor der hölzerne Hühnerstall.
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Hinter dem Zaun aus Holz floss die Volme auf die ehemalige Fabrik von Lohmann und Welschehold zu. Rechts ist das Elternhaus von Günter Lüsebrink abgebildet, davor der hölzerne Hühnerstall.

Katastrophen-Hochwasser im Lennetal, schreckliche Überflutungen an der Ahr. Verglichen mit diesen Orten, hat die Volme beim Starkregen keine Schäden dieses Ausmaßes angerichtet.

Meinerzhagen – Dass auch sie allerdings regelmäßig über die Ufer trat (und tritt), daran erinnert sich der Meinerzhagener Günter Lüsebrink noch gut. Er blickt zurück in seine Kindheit in den 40-er Jahren:

Vergangenes Wochenende führte mich mein Weg durchs Volmetal nach Lüdenscheid. Ich war gespannt zu sehen, was das Hochwasser im oberen Volmetal angerichtet hatte.

Oberbrügge betroffen

Im Bereich von Meinerzhagen und Volme waren einige Wiesen an der Volme überflutet. Erst als ich nach Oberbrügge kam, sah ich die Mengen an Sperrmüll vor den Häusern an der B54. Hier hatte das Wasser richtig zugeschlagen. In Brügge gegenüber der Tankstelle konnte ich sehen, welche Verwüstungskraft unsere Volme hatte. Bei diesem Anblick gingen meine Gedanken zurück in meine Kindheit, als ich einmal ein außergewöhnliches Hochwasser an der Oststraße miterlebt habe.

Mein Elternhaus lag direkt an der Volme. Da wir Kinder gerne an der Volme spielten, gab mein Opa mir einen wichtigen Ratschlag mit auf meinen Lebensweg: „Vor Feuer kannst du weglaufen, vor Wasser nicht.“ Die Volme veränderte sich stets nach Starkregen oder Gewittern. Das meiste Wasser führte sie im Frühjahr nach der Schneeschmelze, wenn dazu noch kräftiger Regen fiel. Dann wurde es für uns Kinder gefährlich.

Tauwetter mit Regen

Wir hatten einen strengen Winter mit sehr viel Schnee. Als es im Frühjahr anfing zu tauen, fielen zusätzlich noch große Regenmengen in die hohen Schneeberge. Da beobachtete ich, wie mein Opa einen Feuerhaken aus dem Schuppen holte und ihn griffbereit an den großen Eichbaum neben unserem Haus stellte. Was hatte das wohl zu bedeuten? Seine Erklärung leuchtete mir ein: wenn Bretter, Gestrüpp und Treibgut in der Volme mitgerissen wurden und sich verfingen oder vor dem Wehr stauten, versuchte mein Opa, diese Hindernisse mit dem Feuerhaken aus der Volme zu ziehen und so den Stau aufzulösen. Für mich war es spannend mitzuerleben, wie das Wasser der Volme von Stunde zu Stunde stieg. Aus dem kleinen, beschaulichen Bächlein war ein reißender Fluss geworden.

Sorgen machte sich mein Opa nun um seinen Hühnerstall, denn der lag direkt neben der Volme. Er versorgte die Hühner mit einem großen Eimer voll Futter und Wasser. Schon nach kurzer Zeit konnte man nicht mehr durch die Tür in den Stall kommen, in dem das Wasser anstieg.

Weiden in Seen verwandelt

Der Volmebach schwoll immer mehr an und zu meinem Erstaunen sah ich, dass sich schon ein Großteil von Krugmanns Weiden in einen See verwandelt hatte. Woher kam nur das viele Wasser?

Es hing mit den zwei Wehren im Oberlauf der Volme zusammen. Bei Hochwasser wurden sie überspült und das Wasser suchte sich den günstigsten Weg über die Wiesen. Unaufhörlich stieg der Wasserspiegel des Sees. Sogar die Bergstraße, die damals noch keine geteerte Straße, sondern ein Feldweg war, wurde überflutet und damit stieg auch das Wasser auf unserem Hof bis zur Werkstatttür. Allmählich wurde mein Opa unruhig, denn er befürchtete, dass auch Wasser in seine Werkstatt eindringen könnte. Er erkannte die Gefahr, nahm kurzentschlossen eine Spitzhacke und hackte damit einen Graben in die Bergstraße. Das Wasser spülte sofort den Graben aus und damit sank der Pegel etwas ab. Ein Feuerwehrmann, der zufällig vorbei kam, mahnte uns eindringlich, uns von den reißenden Wassermassen fernzuhalten. Würden wir ausrutschen oder stolpern und in die Volme fallen, wäre es um uns geschehen. Ein Durchkommen unter der Brücke an der Bergstraße direkt neben unserem Haus wäre unmöglich gewesen. Durch die starke Strömung würden wir mit voller Wucht gegen die Betonwand des Wehres der Firma Lohmann & Welschehold geschleudert. Gerieten wir anschließend in den Strudel, der sich vor der Verrohrung der Volme gebildet hatte, gäbe es kein Entkommen. Von Nachteil war auch, dass die Brücke zu unserer Seite hin kein Geländer hatte.

Hühner überlebten

Nach wenigen Tagen war der Wasserspuk dann wieder vorbei und die Volme kehrte wieder als kleiner Bach in ihr Bett zurück. Auch die Hühner haben die Flut übrigens überlebt.

Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, in welch gefährlicher Lage sich Opa und Enkel damals befunden hatten. Steht man jetzt an der Stelle, an der unser Eichbaum war, stellt man fest, dass sich das Umfeld völlig verändert hat. Es gibt weder den schönen Volmebach, der direkt an meinem Elternhaus vorbeifloss, noch die saftig grüne Wiese der Firma Krugmann hinter dem Haus, wo sich jetzt das Stadion befindet. Und auch nicht mehr die Fabrik Lohmann & Welschehold, die abgerissen wurde. Das ganze Gebiet wurde um zwei bis drei Meter angehoben, und die Bergstraße ist inzwischen kein Feldweg mehr, sondern eine geteerte Straße.

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