„Einen Tag ohne Zeitung kann ich mir nicht vorstellen“

Einen Tag ohne Zeitung kann und will sich der Künstler Ulrich Kett nicht vorstellen.

KIERSPE - „Einen Tag ohne Zeitung kann ich mir nicht vorstellen. Selbst im Urlaub lese ich die Regionalzeitungen, die dort erscheinen. Für mich ist es unvorstellbar, eine Zeitung am PC oder auf einem Tablet-Computer zu lesen.

Ich muss das Papier spüren und blättern können“, bekennt Ulrich Kett seine Liebe zur täglichen Lektüre. Selbst am Sonntag will er nicht verzichten. Dann greift er zu einer der beiden großen überregionalen Zeitungen. Nur um die mit „den vier großen Buchstaben“ macht er einen weiten Bogen: „So weit geht die Liebe zur Zeitung dann doch nicht.“ In einem konservativen und katholischen Elternhaus aufgewachsen, war es wie eine Befreiung für Kett, nach Berlin zum Studium zu ziehen. Dieses finanzierte er mit Werbemalerei für den Senat. Aber er erlebte auch den Umbruch 1968. Schon damals stand er dem Verlagshaus Springer mit seinen erzkonservativen Blättern kritisch gegenüber. „Wir haben Ekel, Abscheu, Wut und Verzweiflung vor diesem Staat empfunden. Dazu kam noch die Springer-Presse, die die Zeitungslandschaft in Berlin beherrschte. Da war es völlig klar, dass sich die Stimmung auf der Straße entladen musste“, erzählt er im Gespräch mit der MZ. Auch Kett suchte damals ein Ventil, um seine Gefühle auszudrücken. Doch als Künstler griff er nicht zu Papier und Stift, sondern zu Leinwand und Pinsel. „Die Eitelkeit“, „Die Politik“, „Der Krieg“, „Die Klage“ und „Die Trauer“ nannte er die Werke eines Bilderzyklus, die seine Gefühle in dieser Zeit einfingen. Und es gab noch eine weitere Reaktion: Statt als freischaffender Künstler seinen Weg zu gehen, entschied sich Kett am „Schulversuch“, wie es damals hieß, in Kierspe teilzunehmen. Nächtelang saßen die jungen zukünftigen Lehrer zusammen, um die erste ländliche Gesamtschule aus der Taufe zu heben. Klar, dass es dem engagierten Künstler und Lehrer nicht reichte, seine Kinder in Kunstgeschichte zu unterrichten und ihnen zu zeigen, wie man einen Pinsel hält. Er wollte auch politisch wirken. Mithelfen, eine Generation zu formen, die ihr Handeln und das der Politik hinterfragt. Dazu gehörte auch die kritische Auseinandersetzung mit den Medien. Gut erinnert er sich noch an eine Zeitungs- analyse, die er mit seinen Oberstufenschülern in den 70er Jahren vornahm. „Doch vor dem Projekt wollte ich mehr über das Zeitungsmachen erfahren“, erinnert er sich. Also ging es in den Ferien nicht an den Strand, sondern in die Redaktion der Lüdenscheider Nachrichten, die damals noch über eine Vollredaktion verfügten. An der Seite des damaligen Chefredakteurs Jürgen Rittinghaus nahm er an Konferenzen teil, erlebte hautnah das Entstehen der Zeitung und wurde süchtig, süchtig nach aktuellen Nachrichten aus aller Welt. „In einem schallgedämpften Raum standen Fernschreiber – Ticker genannt –, auf denen nahezu ununterbrochen die Meldungen der Presseagenturen einliefen. An manchem Abend, an dem ich nach Hause wollte, hörte ich das Rattern des Fernschreibers und musste erst noch einmal nachschauen, welche Neuigkeit aus aller Welt ihren Weg ins Sauerland gefunden hatten. Für mich wäre es unglaublich schwierig gewesen, aus diesem Berg von Nachrichten diejenigen auszuwählen, die ihren Weg in die Zeitung des nächsten Tages fanden.“ Derart vorbereitet, wurde dann nach den Ferien mit den Schülern die Meinerzhagener Zeitung täglich nach verschiedenen Handlungsfeldern durchleuchtet. „Da wurde schnell klar, welch herausgehobene Stellung zu dieser Zeit noch die Kirche in der Gesellschaft hatte“, so Kett. Doch Kett erlebte die Zeitung nicht nur von der Seiter der Macher und Leser, sondern auch als Objekt der Berichterstattung. Ganze Ordner füllen die Artikel, die im Laufe von mehr als 50 Jahren künstlerischen Schaffens über den Kiersper, der mittlerweile in Meinerzhagen wohnt, geschrieben wurden. Längst nicht nur die Meinerzhagener Zeitung nahm sich Zeit und Raum, um über sein Wirken zu berichten. Auch die angrenzenden Blätter widmeten sich immer wieder dem Schaffen des Künstlers. Aber auch Artikel von Kölner, Kamener und anderen Zeitungen finden sich sauber abgeheftet. Wenn er sich auch freut, dass die Journalisten ihm meist wohlwollend und aufgeschlossen begegnen – über die Zustellung seiner Tageszeitung in der ehemaligen Zwergschule bei Mühlenschmidthausen, die er mit seiner Frau Ulla bewohnte, hat er sich all die Jahre geärgert. Wurde die Zeitung zu seinem Haus, das mitten im Wald lag, doch nicht per Boten am frühen Morgen, sondern mit der Post gegen Mittag zugestellt. „Da konnte ich mich in der Schule meist gar nicht mit meinen Kollegen über das Tagesgeschehen unterhalten. Erst am Nachmittag konnte ich dann in die Lektüre einsteigen.“ Treu ist er der MZ trotzdem all die Jahre geblieben – nur nicht im Urlaub auf Juist, seinem bevorzugten Urlaubsort. „Früher habe ich immer versucht, wenigstens den Lokalteil nach dem Urlaub zu lesen. Doch ich habe schnell gemerkt, dass das nicht hinhaut. Heute spenden wir die Zeitung für die Zeit des Urlaubes lieber. Auf Juist lese ich dann eine dort erscheinende regionale Zeitung und die Süddeutsche, die mir von dem Kiosk-Betreiber immer zurückgelegt wird“, erzählt Kett. In Meinerzhagen bekommt er seine MZ übrigens jetzt immer gegen 5 Uhr morgens – „von einer sehr netten Austrägerin“, wie er betont.

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