Dokumente der Familie Fischbach im Stadtarchiv

Stadtarchivarin Ira Zezulak-Hölzer (links) zeigte Eve Lee die Dokumentensammlung. - Foto: privat

Meinerzhagen - Fischbach – das ist ein Name, der in Meinerzhagen lange fest verwurzelt war. Die Familie lebte in der Volmestadt, hatte Freunde und arbeitete hier. Doch dann wurde alles anders: Die Nazis erklärten die Juden zu Feinden des deutschen Volkes. Das traf auch die Fischbachs.

Von Jürgen Beil

Ausgegrenzt, schikaniert und vom Tode bedroht ergriff Julius Fischbach am 10. September 1938 die Initiative: Statt sich dem Nazi-Terror weiter auszusetzen, flüchtete er in die USA. Mit dabei: Seine Ehefrau Hedwig Fischbach und die Kinder Eugen (geboren am 18. Juni 1926) und Eva (geboren am 3. Dezember 1929).

Eva Lee übergibt einzigartiges Material

Erst kürzlich war Eva Lee, geborene Fischbach, mit ihrem amerikanischen Ehemann Ralph zu Besuch in ihrer Geburtsstadt, die sie wegen der schmerzhaften Erinnerungen lange gemieden hatte. Bei der Verlegung der Stolpersteine neben ihrem Elternhaus an der Derschlager Straße 9 erlebte sie eine Feier, die sie und ihren Mann tief beeindruckte. Ausdrücklich dankte sie Tage später auch für den herzlichen Empfang, der ihr in Meinerzhagen zuteil wurde. Und sie übergab einzigartiges Material an die Stadt, in Person von Archivarin Ira Zezulak-Hölzer.

Geschenk-Urkunde der Sparkasse zu Meinerzhagen

So hatte Eva Fischbach zum Beispiel als Neugeborene eine Geschenk-Urkunde über drei Reichsmark von der „Sparkasse zu Meinerzhagen“ erhalten – darauf der Spruch: „In all Deinen Lebensjahren, sollst Du es immer treu bewahren, durch Sparsamkeit den Grundstock mehren, mit Lust und Fleiß den Pfennig ehren, wie es des ganzen Wohl gebeut, daß sich die Heimat Deiner freut.“ Auch diese Urkunde wird nun im Stadtarchiv in der Stadthalle aufbewahrt, bis sie einmal zusammen mit den anderen Fotos und Dokumenten der Schenkung in gebührendem Rahmen der Öffentlichkeit präsentiert werden kann.

Julius Fischbach - Viehhändler und deutscher Soldat

Das Familienoberhaupt Julius Fischbach war Viehhändler und deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg. Aus russischer Gefangenschaft wurde er 1918 entlassen. Eva Lee übergab auch den Militärpass ihres Vaters an die Stadt – zusammen mit einem Foto, das Julius Fischbach in Uniform zeigt.

Julius Fischbach als Soldat im Ersten Weltkrieg zwischen seinen Kameraden. Zur großen Ansicht hier klicken.

„Die Kaffeetanten“ waren eine Gruppe von befreundeten Frauen, die sich regelmäßig traf. Mit dabei war auch Evas Mutter Hedwig Fischbach. Die geselligen Damen von der „Nachbarschaft im Dreck“ ließen sich 1937 oder 1938 fotografieren. Das Foto gelangte – vermutlich durch einen Denunzianten – an das Nazi-Hetzblatt „Der Stürmer“. Später hing der dazu gehörende hasserfüllte Artikel in einem Schaukasten in der Stadt.

Ira Zezulak-Hölzer hat diese Geschichte recherchiert und sie weiß auch, wie sie ausging: „Hedwig Fischbach schlug die Scheibe des ,Stürmerkastens’ ein und entwendete diesen Artikel. Das Motiv für diese überaus mutige aber gefährliche Tat kann – außer berechtigter Wut – nur der Wunsch gewesen sein, ihre Nachbarinnen zu schützen, die über das Foto und den Text als ,Judenknechte’ zu erkennen gewesen wären. Hedwig Fischbach wurde daraufhin verhaftet, aber nach relativ kurzer Zeit wieder freigelassen. Ihre Freilassung soll einzig und allein aufgrund der Tatsache erfolgt sein, dass die Familie ihre Ausreise in die USA bereits vorbereitet hatte und entsprechende Papiere schon vorlagen.“

Schriftstücke erzählen Geschichten, Fotos sprechen Bände

Schriftstücke, die Geschichten erzählen. Fotos, die Bände sprechen. Julius Fischbach als Sänger, Julius Fischbach als Angehöriger der Freilichtbühne Grotmicke, ein Reisepass des Deutschen Reiches, das Familienstammbuch der Fischbachs. All das ist zurück in der Stadt, aus der die jüdische Familie einst flüchtete.

„...daß sich die Heimat Deiner freut...“ – ein Geschenkgutschein der Sparkasse zur Geburt von Eva Fischbach. Zur großen Ansicht hier klicken.

Dass Eva (Eve) Lee nicht zuletzt nach der Verlegung der Stolpersteine und den Begegnungen am Rande Frieden mit Meinerzhagen geschlossen hat, steht fest. „All of this we will remember for a life time...“. „An all das werden wir uns erinnern – ein Leben lang...“, schrieb die 85-Jährige kürzlich. Ein Kompliment auch an viele Bürger „ihrer“ Stadt.

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