Chöre ohne Übungsstätte

Singen mit Abstand – nur wo?

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Ungewohnter Probenort: Die Sängerinnen und Sänger des Jahrgangs sechs treffen sich am EGM zur Chorprobe in der großen Turnhalle.

Meinerzhagen – Gemeinsam singen? In Corona-Zeiten ist das schwierig. Auftritte vor Publikum? Für Chöre liegen sie Monate zurück. Für sie seien es keine einfachen Zeiten. Daraus macht auch Birgit Claus keinen Hehl.

„Die Chorlandschaft ist gefährdet“, sagt die Vorsitzende des Sängerkreises Lüdenscheid, Bezirk Volme. Das große Problem: Es fehlt an Corona konformen Probenräumen. 

Birgit Claus singt gern. Die Meinerzhagenerin ist allein in mehreren Chören aktiv. Bevor der Virus das gesellschaftliche Leben lahmlegte, war sie „im Training“. Denn einen Chor könne man durchaus mit einem Sportler vergleichen. „Wenn der nicht trainiert, macht sich das auch bei seiner Leistung bemerkbar.“ Unter bestimmten Bedingungen sind Chorproben auch in der Coronazeit wieder möglich. Singen mit Abstand und unter Einhaltung der Hygienevorschriften. In Halver, im dortigen Bürgerzentrum, hat Birgit Claus dies mit dem Chor Volme Vocal praktiziert. Die Gruppe Vivendi, auch hier ist sie Mitglied, singt im Gemeindehaus in Kierspe. „Wir sind eine kleine Gruppe, daher ist es möglich.“

In Meinerzhagen sei es allerdings so gut wie gar nicht möglich, zu proben. Ob Stadthalle, Ebbehalle oder Listerhalle – die städtischen Gebäude stehen nicht zur Verfügung. Ein Umstand, den Birgit Claus bedauert: „Wir fühlen uns nicht wert geschätzt.“ Mit der Begründung, dass nach der Probe alles desinfiziert werde müsse, sei die Absage erteilt worden. „Dabei sind wir nicht blauäugig und sagen, wir wollen einfach singen.“ Mit den Hygienevorschriften beschäftige man sich natürlich auch in den Chören. „Wenn es erforderlich wäre, würden wir sogar einen eigenen Stuhl mitbringen.“ In der Nachbarkommune habe man Entgegenkommen gezeigt. „Hier hat man allerdings kein Ohr für uns“, so ihre Erfahrung. Die Kultur werde gedeckelt, das sei ihr Eindruck. „Die Kommunen arbeiten doch zusammen. Warum wird hier denn nun mit zweierlei Maß gemessen?“ 

Für die Hallen der Stadt Meinerzhagen sei entschieden worden, dass eine Öffnung wegen der Coronabedingungen nur sehr langsam und unter ständiger Beobachtung gestattet werden soll, erklärte Heinz-Gerd Maikranz, der Leiter des städtischen Fachbereichs 2 Bürgerservice auf Anfrage. Zum Monatswechsel solle der Vereinssport sukzessive in die Hallen zurückkehren. Hier seien „normale“ Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen wie 1,50 Meter Abstand, Rückverfolgung etc. zu beachten. „Diese erste Hallennutzung wird dann genau zu beobachten sein.“ „Das Singen, mit seinen besonderen einschränkenden Regeln aus der Anlage XII zur Coronaschutzverordnung, gehört wegen des zu erwartenden Aerosolausstoßes und wegen der derzeit stark ansteigenden Infektionszahlen im Märkischen Kreis, nicht zur allersten Priorität bei der Nutzung der städtischen Einrichtungen“, so der Fachbereichsleiter weiter. Die derzeitig geltende Coronaschutzverordnung sei bis zum 31. August befristet. „Ob sich ab dem 1. September andere gesetzlich normierte Regelungen ergeben, bleibt abzuwarten.“ Chorproben in Scheunen oder Firmenhallen? Für Birgit Claus in Zeiten der Pandemie durchaus denkbar. Vor wenigen Wochen hatte sie sich daher mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit gewandt, den heimischen Chören eventuell leer stehende Gebäude zur Verfügung zu stellen – ohne Erfolg.

Singen in der Fabrikhalle

Wie Chorgesang in einer Fabrikhalle klingt, diese Erfahrung hat aber der Männerchor Volmequelle/Scherl gemacht. Die Sänger hatten Glück und dürfen in einer leer stehenden Halle proben. „Es war sehr ungewohnt“, lautet das Fazit von Hans-Peter Drews, Vorsitzender des Chores. Dennoch sind die Sänger, 25 an der Zahl froh, dass sie alle zusammen singen dürfen. „Wir sind froh, dass wir die Möglichkeit haben, mit den nötigen Abstands- und Hygienegeboten, unsere Vereinsarbeit wieder aufnehmen zu können“, so Drews. Während die erste Probe noch ungewohnt war, sei es beim zweiten Mal schon besser gelaufen. „Wir haben einen Riesenhall in der Halle, das ist natürlich nicht einfach. Beim ersten Mal hatten wir ein Keyboard dabei, was so laut war, dass man aufgrund des Abstands die anderen Sänger nicht richtig hören konnte. Das Keyboard haben wir dann beim zweiten Mal weggelassen und a-capella gesungen“, berichtet Drews. 

Bei den Proben wurden die Richtlinien des Chorverbandes berücksichtigt. Das Konzept habe man auch bei der Stadt vorgelegt. Von der Notenmappe bis zum Notenständer werde alles desinfiziert. Das Wichtigste sei jedoch das Einhalten der Abstandsregel. „Es ist festgelegt, wer wo sitzt und die Stühle stehen in zwei Reihen. Von der zweiten Reihe bis zum Chorleiter sind es jetzt acht Meter. Das ist schon eine Entfernung“, so Drews. 

Besondere Zeiten erfordern besondere Wege, um das Zusammenleben und die Gemeinschaft zu pflegen. Der Chor „Reine Frauensache“ fand mit dem Bestattungshaus Eckmann Unterstützung und probt hier bereits seit Juli in kleinen Gruppen. 

Dass Corona nicht nur den Schulalltag, sondern auch die kulturelle Arbeit in der Schule verändert, erleben am evangelischen Gymnasium auch die Schüler, die hier im Unterstufenchor oder im Großen Chor singen. Die Coronaverordnung bedeute einen massiven Einschnitt für Kinder und Jugendliche, berichtet Musiklehrer Michael Otto, der beide Chöre leitet. Mit Wiederaufnahme des Unterrichts nach den Sommerferien dürfen zumindest einige Schüler wieder singen. Notlösung Sporthalle: Hier proben die Chorsängerinnen und -sänger des sechsten Jahrgangs. „Die 5er-Chöre proben statt wie bisher mit den Freiwilligen aus zwei Klassen nur noch mit den Schülern aus je einer Klasse – und dadurch nur 14-tägig.“

Aufführungen Fehlanzeige 

Im Großen Chor singen insgesamt 120 Sängerinnen und Sänger aus Mittel- und Oberstufe. Für sie funktionierten die Proben unter diesen Bedingungen nicht, so Otto. Indes: Aufführungsperspektiven gebe es derzeit ohnehin nicht. Das weiß auch Birgit Claus. Für den ersten Advent hatte sie – vor Corona – die Stadthalle reserviert. Die Gruppen Vivendi, Volme Vocal und ein Projektchor, die eigentlich beim Chorfest in Leipzig auftreten wollten, hatten geplant, hier ihre Aufführung nochmals zu präsentieren. Trotz Hygienekonzept wird es jedoch wohl nicht einmal eine Matinee geben. „Die Chöre konnten so gut wie gar nicht proben“, sagt Claus. Daher sähen sich die Verantwortlichen kaum in der Lage aufzutreten. „Ohne Training funktioniert es nicht.“

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