Eintauchen in die Welt der Märchen

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Einmal im Monat lädt Edelgard von Hagen zur Märchenstunde in die Stadtbücherei.

Meinerzhagen - Schneeflocken rieseln langsam vor sich hin in den Garten. Edelgard von Hagen schaut aus dem Fenster ihres gemütlichen Wohnzimmers: „Ich bin ein Winterkind“, sagt sie. Der Winter ist heimelig, geheimnisvoll, zauberhaft – genau wie die Märchen, die die Valberterin erzählt.

In ihrem Schrank stehen unzählige Bücher. Könige und Prinzessinnen sind die Hauptfiguren im Fantasiereich, mal sind sie gut, mal böse. Feen und Hexen gibt es im Märchenland, Bauern und Bettler und natürlich auch Tiere. Wenn Edelgard von Hagen ihre Zuhörer mitnimmt in die Märchenwelt, dann können diese sicher sein: „Es geht gut aus.“ 

„Es war einmal“ beginnen Märchen – auch die, die Edelgard von Hagen in der Meinerzhagener Stadtbücherei erzählt. Seit fast 30 Jahren kommt die Märchenfrau einmal im Monat hierher: „Ich liebe die Atmosphäre in der Bibliothek. Sie ist wohltuend und heimelig.“ Wenn die Märchenharfe klingt, dann wird es mucksmäuschenstill in der Erzählecke. Die Kinder wissen, jetzt wird es spannend. „Das ist immer wieder das Schöne: Zu spüren, dass die Kinder mitgehen, eintauchen in die Märchenwelt und mitfiebern“, beschreibt die Valberterin.

 Märchenfrau ist sie, Erzählerin – eine Märchenvorleserin ist sie jedoch nicht. Ein Märchenbuch hat Edelgard von Hagen nicht dabei, wenn sie in die Bücherei kommt. Die Valberterin erzählt, spielt, mimt, ist König, Ritter, Bauersfrau, Frosch oder Kater – je nachdem, wer gerade besiegt, befreit oder beschützt werden muss. Nicht nur in Meinerzhagen hören ihr die Kinder gern zu, auch in Kierspe und Rönsahl, Halver, Schalksmühle und Breckerfeld gab es schon Märchenstunden. In Rinkscheid und in der alten Knochenmühle in Mühlhofe erzählt Edelgard von Hagen ebenfalls gern. 

Als Kind liebte sie es, Märchen erzählt zu bekommen, Tochter und Enkel wurden dann ihre Zuhörer. Dass es bei fesselnden und geheimnisvollen Geschichten auf Stimme und Stimmung ankommt, weiß Edelgard von Hagen auch aus der Theaterzeit. 35 Jahre initiierte sie Heiligabend ein Theaterstück im Valberter Gemeindezentrum. „Eine wunderschöne Zeit“, resümiert sie. Umso mehr genießt sie heute die Märchenstunden in der Bücherei. Gelesenes für Kinder verständlich wiedergeben, darauf komme es an. „Etwas für Kinder zu machen, das ist mir wichtig“, meint Edelgard von Hagen.

 Jeden Monat sucht sie ein neues Märchen aus. Das große Regal im Wohnzimmer ist voll mit Märchenbüchern. In ihrem Haus gibt es noch viele mehr davon, „eigentlich in jedem Zimmer“, lächelt die Märchensammlerin. Die Brüder Grimm sind wohl die bekanntesten Schriftsteller, ihre Erzählungen haben auch die meisten Erwachsenen als Kind gehört. Edelgard von Hagen erzählt die Grimm’schen Märchen allerdings eher selten. Die Hexe, die im Ofen verbrannt wird, und der Wolf, der mit seinem wackersteingefüllten Bauch im Brunnen ertränkt wird, sind im Grunde genommen eher grausam.

 Aufgeschrieben wurden Märchen einst für Erwachsene. Lehrreich sollten sie ein. Hintergründig und tiefgründig. Das Böse sollte bestraft werden, das Gute siegen. So hält es auch Edelgard von Hagen. Hält sie eine Erzählung für zu ernst oder tragisch, wandelt sie ab oder lässt Szenen aus. Mit den bekannten Märchen ist es jedoch etwas anderes: „Die sollte man nicht abändern. Sie sind Kulturgut und sollten so auch erhalten bleiben“, meint die Märchenerzählerin, findet gleichzeitig aber auch: „Die Kinder sehen heute Grausames genug. In der Märchenstunde muss das nicht sein.“ 

Die kleinen Zuhörer, die jüngsten von ihnen sind vielleicht gerade im Kindergartenalter, sollen verstehen, was ihnen erzählt wird. Edelgard von Hagen hält oft inne, fragt die Jungen und Mädchen bei der Geschichte „Der lustige Weihnachtsmusikant“, wie viele Schuppen ein Tannenzapfen hat, der in dem Stück eine wichtige Rolle spielt. In der diesjährigen Weihnachtsgeschichte ging es um einen Teddybären. Wird er es wohl schaffen, die Prinzessin zu retten? Die Antwort der Kinder ist klar. Sie glauben an das Gute und sind überzeugt, dass der Bär, der eigentlich ein verwunschener Prinz ist, die Königstochter heiratet. 

Edle Prinzen, Feen und Hexen Edelgard von Hagens Märchen richten sich nach den Jahreszeiten. Oftmals ähneln sich die Geschichten. „Mitunter rufen die Kinder, dass sie das Märchen schon kennen – und sind überrascht, wenn es sich plötzlich doch ganz anders entwickelt.“ Die Motive sind ähnlich: der tapfere Prinz, der die Prinzessin erlöst, die Fee, die das arme Bauernmädchen verzaubert. „Oft kommen drei Söhne vor. Die beiden Älteren werden als klug dargestellt, der Jüngste ist der Dümmling, der aber am Schluss die schwere Aufgabe löst und zum tapferen Held wird“, beschreibt Edelgard von Hagen Figuren, die oft die Hauptrollen spielen. 

Ein Lieblingsmärchen hat die Valberterin nicht: „Ich liebe alle Märchen, die ich erzähle.“ Eine Vorliebe gibt es allerdings. Nordische Märchen aus Schweden, Dänemark oder Irland werden in der Stadtbücherei oft wiedergegeben. Hier gibt es weit mehr als die des Schriftstellers Hans Christian Andersen. Doch nicht nur um das Fantasiereich geht es der Märchenfrau. Edelgard von Hagen ist Mitglied der Europäischen Märchengesellschaft, besucht Seminare und Kongresse, wo Märchen wissenschaftlich analysiert werden. Am schönsten aber ist und bleibt das Erzählen. „Wenn die Kinder mit leuchtenden Augen vor mir sitzen und fragen ‚Wie geht es weiter?‘, dann ist das eine unbeschreibliche Freude.“

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