Hunderte Besucherinnen begeistert von "Drei Frauen"

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Viel Applaus erhielten Karolin Eichhorn, Ann-Kathrin Kramer und Gesine Cukrowski (von links) für ihre Reminiszenz an drei ebenso mutige wie kluge „Frauen aus Deutschland“.

Meinerzhagen - Höchst anziehend auf hunderte von Besucherinnen wirkten am Donnerstagabend in der Stadthalle drei tapfere und kluge Frauen aus Deutschland: Bettina von Arnim, Else Lasker-Schüler und Erika Mann.

Da in Gestalt von Ann-Kathrin Kramer (Bettina), Karolin Eichhorn (Else) und Gesine Cukrowski (Erika) drei der prominentesten Schauspielerinnen des Landes auf der Bühne standen, konnten diese mit Recht einen großen Anteil an dieser Anziehungskraft für sich beanspruchen. Und die Männer blieben nicht etwa ausgesperrt: Schätzungsweise etwa fünf Prozent der Besucher zeigten sich als aufgeschlossene Vertreter ihres Geschlechts. 

Regisseur Martin Mühleis hatte sich für die Begegnung mit den drei prominenten Frauen auf das Wesentliche beschränkt: Ihre eigenen Texte, vorgetragen jeweils von einer der drei Schauspielerinnen, sowie Originaltöne ihrer Zeitgenossen und biografische Berichte. Daraus entwickelten sich authentische Einblicke in Leben und Werk der drei Frauen, die Mühleis miteinander verzahnte. Der Wechsel zwischen drei Epochen verlangte den Zuhörerinnen einiges ab, machte aber auch bestehende Parallelen deutlich. 

„Ich bedarf, dass ich meine Freiheit behalte“ 

„Ich bedarf, dass ich meine Freiheit behalte“ – dieser Satz der Bettina von Arnim passte auch auf die beiden anderen Frauen. Nicht nur auf Else Lasker-Schüler traf ihr schöner Satz zu: „Ich will in das Grenzenlose in mir selbst zurück.“ Und auch für Erika Mann war das Selbst-Denken und das Vertrauen auf die eigenen Kräfte Programm: „Ich bin kein ausgeklügeltes Buch – ich bin ein Mensch mit seinen Widersprüchen“, bekannte sie.

Die Stadthalle war gut gefüllt und verleitete den KuK-Vorsitzenden Karl-Heinz Kraus zu einem Appell, diesen Veranstaltungsort zu erhalten.

Ihr Vater Thomas Mann hatte sich enttäuscht über die Geburt einer Tochter geäußert. Er war eitel genug, um sich seine „Fortexistenz“ in einem Sohn zu wünschen und dies auch noch niederzuschreiben. Die junge Erika zeigte sich diesem Affront gewachsen und wurde zu einem Bürgerschreck – lief „barfuß und zerlumpt“ herum und freute sich über ihr Abiturzeugnis: „Es ist so miserabel, dass ich es mir eingerahmt habe.“ 1927 „floh“ Erika Mann mit ihrem Bruder Klaus einmal rund um die Welt und brachte Papas Nobelpreisgeld durch. 

Wer so viel sieht, hat gut reden: „Wir leben im interessantesten Jahrhundert der Weltgeschichte.“ Doch immer mehr entwickelte sich Erika Mann zu einem politischen Menschen: „Mit Fabriken haben wir uns abzufinden, mit Kanonen nicht.“ 

Auden-Zitat sorgt für Lacher

Als Kabarettkünstlerin in München geriet sie ins Fadenkreuz der Nazis und wurde ausgebürgert. Die Hochzeit mit dem britischen Schriftsteller W. H. Auden verschaffte ihr die britische Staatsbürgerschaft. Es war einer der lustigen Momente eines bemerkenswerten Abends, als der (homosexuelle) Bräutigam mit den Worten zitiert wurde: „Ich habe sie noch nie gesehen bis zur Hochzeitszeremonie, und vielleicht werde ich sie auch nie wieder sehen, aber sie ist sehr nett.“ 

In Amerika angekommen rief Erika Mann zum Boykott deutscher Waren auf: kein Kölnisch Wasser, kein Aspirin. Von Ernst Tollers Selbstmord und Joseph Roths tödlichem Zusammenbruch war sie tief getroffen: „Noch ein paar Tote, und die Welt ist leer.“ 

Für die Elberfelder Jüdin Else Lasker-Schüler war schon der Erste Weltkrieg etwas völlig Unverständliches. Karolin Eichhorn las neben anderen expressionistischen Gedichten Else Lasker-Schülers viel zitierte Gedichtzeile „Es ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wär’.“

Auch Else Lasker-Schüler verlor ihr Bürgerrecht in Deutschland und emigrierte 1939 nach Palästina. Und wieder schrieb sie einen Satz, der in seiner Andeutungsfülle aufhorchen ließ: „Ich bin Else Lasker-Schüler – leider! Früher war ich es ohne ,leider’“. Gegen „die große kriegerische Männer-Geschichte“ wandte sich in ihrer Zeit auch Bettina von Arnim. Nach 20 Ehejahren, sieben Kindern und dem 50. Geburtstag erfand und fand sie sich selbst. Berühmt wurde ihr Buch „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“.

Für spürbare Unruhe im Publikum sorgten die frauenfeindlichen Sprüche von Grabbe, Lenau und Gutzkow, Bettinas Dichterkollegen ihrer Zeit. Ihr Bruder Clemens Brentano tutete in das gleiche Horn, während Bettina von Arnim zu einer Hoffnungsträgerin der aufbegehrenden deutschen Jugend wurde. Auch ihre Devise war frisch geblieben: „Es ist nie zu spät. Jeder Tag ist jung.“

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