Jürgen Becker begeistert 600 Besucher in der Stadthalle

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Jürgen Becker unterhielt die Besucher vortrefflich. „Der Künstler ist anwesend“ hieß sein Programm. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Wenn Kunst unsanft auf Religion trifft, wenn in einer turbulenten Tour de Force die Kunstgeschichte aufgearbeitet wird und wenn trotzdem alle lachen – dann steht Kabarettist Jürgen Becker auf der Bühne.

Sein Programm „Der Künstler ist anwesend“ hielt am Samstag in der Stadthalle rund 600 Gäste in Atem.

Dieser Abend war geeignet, Wissenslücken zu füllen. Ökumene sei „wenn der Papst im Papamobil durch die Lutherstadt Wittenberg fährt und Margot Käsmann betrunken am Steuer sitzt“, so Becker. Vor allem aber ging es um Kunst und auch um die Frage, warum sie typisch menschlich ist. „Vorstellungskraft ist die Grundlage der Kultur. Pudel können sich keine Oper vorstellen, darum gehen sie da auch nicht hin.“

Der Abend war geprägt von einer opulenten Bilderfülle, denn Becker hatte nichts Geringeres als einen Kurztrip durch die Menschheitsgeschichte im Sinn. Werke großer Künstler dienten, auf eine große Leinwand projiziert, als Anschauungsmaterial. So wussten nachher alle, was über Gotik und Romanik zum Barock mit seiner „Lust am Übergewicht“ führte. „Barock ist Rationalismus im Speckmantel“, so Becker. „Die Menschen kamen zu der Überzeugung, dass es Himmel und Hölle nicht gibt. Das machte ihnen ihre Vergänglichkeit bewusst und ließ sie den Augenblick auskosten.“

Der Kölner Kabarettist ließ kaum einen Tabubruch aus. Er präsentierte Max Ernsts Skandalbild „Die Jungfrau züchtigt den Jesusknaben vor drei Zeugen“, das den Kölner Klerus in den 20er Jahren so aufbrachte, dass sie den Künstler exkommunizierten. Er schlug den Bogen zu Fällen von Kindesmissbrauch und Gewalt in kirchlichen Einrichtungen. Beißende Kritik war ansonsten eher selten vertreten, vielmehr katapultierte der Künstler sein Publikum von einer Kunstepoche zur nächsten und versüßte die etwas andere Bildungsreise mit hinreißend rheinischem Humor. Manches wurde recht frei interpretiert („Das ist die Laokoon-Gruppe. Das Bild heißt auch ,Drei Männer stehen in einer Schlange“) – eben typisch Becker.

Der berichtete auch, dass Jesus in Köln „Zimmermanns Jupp singe Jung“ genannt wird und die üppigen Rubens-Modelle seinerzeit nur durch die Ateliertür passten, wenn vorher der Rahmen eingefettet wurde. Und überhaupt: Nackte Ansichten, Höllenwesen, religiöse Himmelswelten, füllige Fleischeslust – nichts was an diesem Abend nicht zu sehen gewesen wäre und schelmisch grinsend kommentiert wurde. Grundlegende Menschheitsfragen wurden reihenweise beantwortet. Warum finden wir Vogelgezwitscher so schön? Klar, wenn die Vögel verstummen, droht Gefahr. „Das gilt übrigens auch für Handwerker“, so Becker. „Wenn die aufhören zu pfeifen, haben sie die Wasserleitung angebohrt.“ Und zu guter letzt wechselte Becker die Seiten, sah sich die ausverkaufte Stadthalle durch einen Bilderrahmen an und versicherte: „Das ist für mich das schönste Bild überhaupt!“ Kleinstkunst finde ohne Zuschauer nämlich gar nicht erst statt. „Schön dass Sie gekommen sind!“ Dann gab es wie nach jedem seiner Auftritte Freikölsch für alle und einen geselligen Ausklang des etwas anderen Kabarettprogramms. ▪ ps

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