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„Der Erinnerungsfälscher“: Abbas Khider stellt sein neues Buch vor

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Von: Thomas Krumm

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Abbas Khider hat sein neues Buch vorgestellt
Abbas Khider hat sein neues Buch vorgestellt. © Krumm, Thomas

Moderator Terry Albrecht scherzte ein wenig, als er am Mittwochabend in der Stadthalle den gebürtigen Iraker Abbas Khider begrüßte: „Er gehört zur klassischen Moderne der deutschen Literatur.“ Doch letztlich hatte er mit dem darin eingefalteten Lob für einen äußerst interessanten und unterhaltsamen Autor den Grund genannt, warum 60 Besucher der Einladung des Kulturvereins KuK und der Buchhandlung Schmitz gefolgt waren.

Meinerzhagen – Denn der am 3. März 1973 in Bagdad geborene Schriftsteller, der als politischer Flüchtling im Jahr 2000 nach Deutschland kam, bereichert die deutsche Sprache nicht nur um Literatur, sondern auch um amüsante Reflexionen über diese Sprache. Vielleicht muss man – wie er – ein wenig Abstand haben zu dieser Sprache, um „unglaublich gut“ über sie „lästern“ zu können: „Nur die Toten haben genug Zeit, Deutsch zu lernen“, zitierte er Mark Twain und führte in sein „endgültiges Lehrbuch“ mit dem vielversprechenden Titel „Deutsch für alle“ ein. Das Büchlein macht Vorschläge für eine Entschlackung des Deutschen zum Wohle seiner Nutzer und vor allem all jener, die nicht in dieser Sprache aufwachsen. Es sei „ernsthafter sprachwissenschaftlicher Schwachsinn“, verkündet Abbas Khider in einer Vorbemerkung und schlägt unter anderem die Abschaffung der Artikel und Deklinationen vor. Menschen, die bei Verstand sind, muss man nicht erklären, dass es sich dabei um äußerst vergnügliche Satire handelt. Eher stumpfsinnige, humorlose Leser haben sich empört über diese angebliche „Kriegserklärung eines Arabers“ an die deutsche Sprache: „Irgendwann haben mich die Rechtsradikalen entdeckt“, leitete Abbas Khider diesen Bericht ein. Wie nicht anders zu erwarten, neigte Dummheit dazu, „Schluss mit Lustig“ zu machen: „Wir warten auf dich draußen.“

Durchschlagende Wirkung

Nach diesem Exkurs in die durchschlagende Wirkung des Buches, mit dem Abbas Khider einem größeren Publikum bekannt wurde, ging es hinein in die Welt des Said Al-Wahid, des aus dem Irak stammenden Helden seines neuen Romans „Der Erinnerungsfälscher“. Auch er lebt schon seit Längerem in Deutschland, wo er mit Einwanderungsbehörden, Standes- und Landratsämtern kämpft. Als seine Mutter im Sterben liegt und er über Doha in Qatar nach Bagdad fliegt, holen ihn die Erinnerungen an seine Vergangenheit im Zweistromland ein.

Umgang mit Erinnerungen

Thema des Buches ist auch der Umgang mit diesen Erinnerungen: „Er hat ein Problem mit seinem Gedächtnis.“ Erst hadert er mit dem Vergessen und den Beschränkungen seines Kopfes. „Er will sich erinnern, wie es war, und das ist das Problem“, schilderte Terry Albrecht den Beginn der Wandlung des Said Al-Wahid. Er begreift, „dass die sogenannte Verfälschung das ist, was der Erzähler braucht“. Weil die von ihm erzählte Geschichte auf seinen Erfahrungen beruht, hat sie die Wahrheit einer zweiten und möglicherweise höheren Ordnung. Das Wort „Erinnerungsfälscher“ verliert auf diesem Hintergrund seine abwertende Qualität.

Abbas Khider hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Schreibweise, die der harten und viel zu oft unabänderlichen Wirklichkeit „mit Ironie, Humor und Komik“ begegnet. „Diese Welt ist hart, aber es gibt eine literarische Antwort: Man kann diese Welt auch erträglicher machen.“ Terry Albrecht widersprach an einem Punkt: Ein Autor könne nicht frei wählen, ob er humorvoll oder nüchtern und realistisch mit der harten Wirklichkeit umgehen wolle. Abbas Khider hatte das als eine Frage von Leben und Tod geschildert: Der italienische Erzähler Primo Levi ist zeitverzögert an den Erfahrungen und den Folterungen in Auschwitz-Birkenau zugrundegegangen und nicht an seiner nüchternen, um Realismus bemühten Erzählhaltung.

Humorvolle Wahrnehmung der Welt

Dennoch hatte der Appell von Abbas Khider viel Kraft: Auch er hatte zwei Jahre in Gefängnissen der irakischen Diktatur verbracht und die Sprüche an den Wänden als eine tröstliche Proto-Literatur empfunden. Sein Eintreten für eine humorvolle Wahrnehmung der Welt hatte deshalb Gewicht: „Ich wünsche vielen Menschen die Möglichkeit, über den eigenen Schmerz zu lachen.“

Damit verbunden gab er im Rückblick ein klares Bekenntnis gegen religiösen Fanatismus ab: „Bei der Frage ,Gott oder der Humor?’ entscheide ich mich nicht für Gott.“

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