Keine größeren Infektionsherde bekannt

Die Migranten und das Virus

Osman Batgün führt Listen, wer zu den Gebeten kommt und kontrolliert regelmäßig, ob die Hygienevorschriften eingehalten werden.
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Osman Batgün führt Listen, wer zu den Gebeten kommt und kontrolliert regelmäßig, ob die Hygienevorschriften eingehalten werden.

Angeblich ist es ein Tabuthema: Menschen mit Migrationshintergrund sollen überdurchschnittlich oft an Covid-19 erkranken und häufig mit schweren Krankheitsverläufen auf Intensivstationen behandelt werden.

Meinerzhagen – „Davon habe ich auch gehört“, bestätigt Osman Batgün. Er ist Vorsitzender des Moscheevereins und sagt, dass er selbst noch keine größeren Ausbruchsgeschehen in seiner islamischen Gemeinde festgestellt hat. Batgün: „Ich denke, dass wir in Meinerzhagen nicht überdurchschnittlich am Infektionsgeschehen beteiligt sind. Größere Infektionsherde, zum Beispiel in Familien, sind mir auch nicht bekannt.“

Falsches Schamgefühl

Stattdessen hat Osman Batgün ein anderes Phänomen ausgemacht: „Viele, vor allem ältere Menschen, schämen sich, wenn sie an Covid-19 erkranken. Ich kenne Fälle, in denen sie die Erkrankung verheimlichten und sogar draußen spazieren gegangen sein sollen. Aber auch das ist wohl kein Verhalten, das sich nur auf Menschen mit Migrationshintergrund bezieht. Es resultiert offensichtlich aus einem falschen Schamgefühl. Dem kann nur mit Aufklärungsarbeit begegnet werden“, fügt der Vorsitzende hinzu. Nicht nur einige Senioren, auch jüngere Leute hat Batgün fest im Blick: „Da geht es darum, vor Leichtsinn zu warnen. Etwa was Menschenansammlungen angeht, bei denen oft Mindestabstände nicht eingehalten werden.“

Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt

In seiner Moschee jedenfalls sei alles in Ordnung, sagt Batgün. „Wir arbeiten gut mit dem Ordnungsamt zusammen. Und erst kürzlich habe ich einen Kontrollbesuch dort gemacht – es gab nichts zu beanstanden“, berichtet der Meinerzhagener. Hygienemaßnahmen würden eingehalten, die Kontaktverfolgung sichergestellt. „Aber es kommen eh viel weniger Menschen zu uns als vor Corona. Zu den Wochengebeten sind das etwa zehn, nur bei den Freitagsgebeten kommen mehr“, berichtet der Vorsitzende und fügt hinzu: „Das alles hat sich richtig gut eingespielt. Beispielsweise wird auch unser Appell beachtet, dass die Besucher sich nach den Gebeten nicht länger auf unserem Gelände aufhalten sollen. Sie steigen ins Auto und fahren sofort nach Hause.“

Vorsichtige Flüchtlinge

Susanne Berndt kennt sich aus, wenn es um Hilfe für Flüchtlinge geht. Seit Jahren kümmert sie sich regelmäßig um Familien, die in Deutschland um Asyl nachgesucht haben. Vor allen Dingen syrische Staatsbürger sind es, die sich häufig mit der Bitte um Rat und Tat an die Volmestädterin wenden.

Dass ihre „Schützlinge“ überdurchschnittlich oft an Covid-19 erkranken, hat sie bisher nicht festgestellt. „Ich erlebe, dass sich die Allermeisten an die Regeln halten. Aber natürlich begegne ich auch Menschen, die das nicht tun.“ Flüchtlinge, so Susanne Berndt, würden eher zurückhaltend und vorsichtig reagieren, um sich nicht anzustecken. Sie nennt ein Beispiel: „Kürzlich sollte eine große syrische Hochzeit stattfinden. Das Brautpaar hat diese Feier natürlich verschoben, weil sich so viele Menschen einfach nicht treffen dürfen und ihnen das auch viel zu gefährlich gewesen wäre.“ Ihre Hilfe hat die Meinerzhagenerin aber auch jetzt nicht eingestellt. „Die Flüchtlinge kommen immer noch zu mir, weil ich sie berate und ihnen Dinge wie Babykleidung vermittle. Häufig passiert der Kontakt mit Abstand an der Tür oder per Telefon. Ich habe dabei festgestellt, dass Corona die Arbeit sehr viel schwieriger gemacht hat. Per Brief oder E-Mail lassen sich manche Dinge einfach schlechter klären“, bedauert sie. Aber Corona lässt allen Beteiligten halt keine andere Wahl.

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