Corona-Allgemeinverfügung stößt auf Kritik

Nach neuen Gottesdienst-Regeln: Gemeinden im Gespräch mit dem Bürgermeister

Gemeindehaus der FECG an der Beethovenstraße
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Gemeindehaus der FECG an der Beethovenstraße: Bis zu 600 Teilnehmer besuchten dort vor Corona die Gottesdienste. Mit der verfügten Beschränkung ist die Gemeindeleitung nicht einverstanden.

Seit vergangenem Freitag gilt in Meinerzhagen eine im Märkischen Kreis bislang einzigartige Sonderregelung für Gottesdienste - die stößt aber in einigen freikirchlichen Gemeinden auf Kritik und führte jetzt zu einem persönlichen Gespräch zwischen Gemeindevertretern und Bürgermeister Jan Nesselrath.

Meinerzhagen - Paul Sudermann saß zwar nicht mit am Tisch, vertritt aber die mit Abstand größte freikirchliche Gemeinde in Meinerzhagen, die Freie Evangelium-Christen Gemeinde (FECG) an der Beethovenstraße. Mit den „Sprechern“, die die Interessen vieler freier Gemeinden im Rathaus vertreten, steht er in engem Kontakt. In Vor-Coronazeiten zählte die FECG bis zu 600 Gottesdienstbesucher in ihrem Gemeindesaal.

Dass infolge der Pandemie zuletzt immer noch mehr als 200 Besucher zu den Gottesdiensten kommen durften, veranlasste die Stadtverwaltung letztlich zu der Allgemeinverfügung, die Sudermann am Sonntag im online gestellten Gottesdienst kritisierte – die MZ berichtete. Im Gespräch mit der Redaktion erneuerte er nun diese Kritik, betont aber auch, die Bürgerschaft mit einem Festhalten an Präsenzgottesdiensten nicht spalten zu wollen.

Wir wollen nicht polarisieren.

Paul Sudermann, Mitglied der Gemeindeleitung der FECG

„Wir wollen nicht polarisieren, sondern haben ja auch unsere Hygienekonzepte eingehalten und die Ordnungsamtsmitarbeiter auch eingeladen, sich die Situation während des Gottesdienstes anzuschauen“, sagt Paul Sudermann, der die derzeit geltenden Bestimmungen nicht akzeptieren will. „Wir hatten zuletzt 150 Menschen am Gottesdienst teilnehmen lassen. Dazu kommen die bis 14-Jährigen, die ja nicht mitzählen. Damit könnten wir jene Gemeindemitglieder abdecken, die unbedingt weiter zum Gottesdienst kommen wollen“, sagt Sudermann. „Denn auch bei uns gibt es ja Menschen, die aus Vorsicht lieber den Livestream anschauen.“ Ihm selbst sei aber seit Beginn der Corona-Pandemie aufgefallen, wie wichtig der persönliche Kontakt ist – „und auch die persönliche Berührung, etwa beim Händeschütteln“, so Sudermann. „Wenn man darauf verzichten muss, merkt man erst, was einem fehlt.“ Und aus noch einem Grund sieht er die neuen Regeln kritisch: „In der Gemeinde hatten wir kein Infektionsgeschehen.“

Verweis auf Hygiene im alten Israel

Hygiene spielt für den staatlich geprüften Desinfektor – Paul Sudermann ist Betriebsleiter der Firma Reinraum-Hygiene-Service Sperlich GmbH mit Sitz am Hubertusweg – allein von Berufswegen eine wichtige Rolle. „Und auch im alten Israel ist die Hygiene ein großes Thema“, verweist Sudermann auf zahlreiche Bibel-Passagen, die etwa die Handhygiene als Grundpfeiler eines gesunden Volkes erwähnen würden, wie der FECG-Geistliche betont. Und wenn die Gemeinde als ihre Aufgabe auch das Gebet für die Stadt und die Regierenden als ihre Aufgabe betrachtet, so stehe schlussendlich doch das Wort Gottes über allem, sagt Paul Sudermann.

Damit erneuerte er seine Aussage während der Moderation im Gottesdienst der FECG am 2. Mai, in der er betonte, dass man zwar die Worte des Apostel Paulus beachten sollte, nach denen man „der Regierung Untertan sein muss“. Zum anderen gelte aber auch, „dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen.“ Beides müsse abgewogen werden. Seine anschließende Aussage – „Die älteren Generationen unter uns wissen, wie das geht“ – will Sudermann im Gespräch mit der Redaktion nicht konkretisieren. Auf welche Ereignisse er damit anspielte, bleibt also unklar.

Wie es jetzt aber ganz konkret mit den Gottesdiensten weitergeht – das steht zumindest für dieses Wochenende fest. „Wir werden wohl oder übel die Allgemeinverfügung einhalten“, sagt Paul Sudermann. Was nächste Woche sein wird, soll in einem weiteren Gespräch zwischen zwei Vertretern der freikirchlichen Gemeinden und dem Bürgermeister am kommenden Mittwoch thematisiert werden.

Bürgermeister lobt konstruktives Treffen

Jan Nesselrath selbst sprach auf MZ-Anfrage von einem konstruktiven Gespräch, das von Respekt geprägt und frei von jeder Aggressivität gewesen sei. „Die Vertreter haben deutlich gemacht, dass sich die Glaubengemeinschaften von der Allgemeinverfügung beeinträchtigt sehen, da der Gottesdienst einen überaus wichtigen Stellenwert für sie hat“, blickt der Bürgermeister auf die Inhalte des Gesprächs am Mittwoch zurück. Insbesondere Gemeinden mit kleinen Sälen hätten ihre Sorge geäußert, aufgrund der Quadratmeterregelung zu wenige Gäste empfangen zu können. „Aber ich habe natürlich auch deutlich gemacht, dass ich nicht vor einem christlichen Hintergrund entscheide, sondern mich als Vertreter der Gesamtbevölkerung auf juristische Dinge berufen muss“, so Nesselrath.

Weitere Gespräche am Mittwoch

Am kommenden Mittwoch wolle man sich erneut treffen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Inwieweit das Ergebnis dann relevant ist, bleibt abzuwarten: Die Corona-Regelungen für Gottesdienste in Meinerzhagen sind ohnehin bis zum 14. Mai 2021 befristet. „Wir werden anhand der dann vorliegenden Infektionszahlen entscheiden, ob die Verfügung verlängert, modifiziert oder aufgehoben wird“, macht der Bürgermeister das weitere Verfahren von der Inzidenz in der Stadt abhängig.

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