Christoph Sieber zeichnet düstere Zukunftsbilder

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Christoph Sieber war am Donnerstag auf Einladung von KuK in Meinerzhagen zu Gast.

Meinerzhagen - Es waren düstere Zukunftsbilder, die Christoph Sieber da zeichnete: Von Menschen, die gegen Straßenlaternen laufen, wenn das Handy sie nicht warnt. Von Sex, der nur noch zwischen Smartphones stattfindet. Von einem versagenden Schulsystem. Dass die Zuschauer bei all dem nicht schwermütig wurden, lag an der unterhaltsamen Verpackung, in die der Kabarettist diese Bilder kleidete.

„Hoffnungslos optimistisch“ heißt das Programm, mit dem Sieber derzeit auf Tournee ist und am Donnerstagabend auch in der Stadthalle gastierte – von Optimismus war über weite Strecken jedoch wenig zu hören. Stattdessen legte der Träger des Deutschen Kleinkunstpreises konsequent den Finger in sämtliche Wunden, die er in der deutschen Gesellschaft von heute ausmacht. 

„Meinerzhagen, ich bin da“, begrüßte er sein Publikum knapp, erzählte ein paar lustige Anekdoten, und dann ging es auch schon ans Eingemachte. Neben Politik, Banken und Wirtschaft arbeitete sich der Kabarettist nicht zuletzt an der Digitalisierung und ihrem Einzug in alle Lebensbereiche ab. Besonders bedrohlich sei die Macht der Algorithmen, die errechnen, was wir als Nächstes im Internet einkaufen und mit welcher Wahrscheinlichkeit wir morgen im Lotto gewinnen. 

„Und wenn Sie sich jetzt fragen, wann der Horror losgeht – er hat schon angefangen, wir haben es nur nicht gemerkt“, warnte Sieber. Bei seiner Abrechnung mit den digitalen Trends folgten auf oft gehörte Kritik – „Wir sind halb Mensch, halb Smartphone“ – originelle Formulierungen, die das Publikum mit deutlich mehr Applaus belohnte. „Wir werden durch Algorithmen die Welt nicht besser verstehen, wir werden uns nur genauer irren“, prophezeite der Kabarettist beispielsweise und unterstrich seine Weltsicht mit einer pessimistischen Passage über Deutschland aus Friedrich Hölderlins Briefroman „Hyperion“. 

Kaum hatten die Zuschauer zustimmenden Beifall gespendet, bekamen sie selbst ihr Fett weg. Sieber setzte sich eine andere Brille auf die Nase, schlüpfte in ein weißes Jacket und damit in die Rolle eines Kabarettbesuchers. Prima sei das, sich zwei Stunden lang anzuhören, wie schlecht die Welt ist: „Noch ein Gläschen Prosecco im Foyer und dann war’s doch ein schöner Abend, oder?“ Natürlich werde man dann nach Hause gehen, „stellen Sie sich mal vor, dieser Abend hätte noch Konsequenzen“. 

Christoph Sieber spielte am Donnerstag auch seine pantomischen Fähigkeiten aus.

Undenkbar, nach der Vorstellung durch Meinerzhagen zu ziehen und eine Revolution auszurufen! Nicht nur in dieser Rolle spielte der Künstler seine Pantomimen-Ausbildung voll aus: Er schaute mal überheblich, mal erstaunt oder dümmlich-naiv drein, dass es eine Freude war. Unvermeidlich scheint an einem deutschen Kabarettabend das Thema Schule zu sein. 

Über die großen und kleinen Absurditäten referierte Christoph Sieber im „Märchen von der Bildungsrepublik Deutschland“, das er „allen Lehrern im Saal“ widmete. Tatsächlich waren einige anwesend und äußerten zu den lebhaften Schilderungen der täglichen Dramen in deutschen Bildungseinrichtungen abwechselnd Zustimmung und Widerspruch. Die Quintessenz: Auch im Bildungssystem regiert das Geld die Welt. 

„Unter Architekten gibt es genauso viele Dumme wie unter Putzfrauen, sie hatten nur Glück mit den Eltern“, so Christoph Sieber. „Deshalb sitzt dann ein strunzdummer Architekt in einem großen Büro und plant für viel Geld den Berliner Flughafen, während die hochintelligente Putzfrau sauber macht. Und mit der Meinerzhagener Stadthalle hat der noch gar nicht angefangen – warten Sie mal ab, was da alles schiefgehen kann!“

Einen guten Ratschlag zum Thema Stadtgestaltung gab der Kabarettist seinen vergnügten Meinerzhagener Gästen noch mit auf den Weg: „Ich habe gehört, die Bahn fährt hier jetzt wieder Richtung Lüdenscheid. Vielleicht wäre ein unterirdischer Bahnhof ja was für Sie, erkundigen Sie sich da mal in Stuttgart.“

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