Chor Cantamus

Chorprobe in Corona-Zeiten: Wenn alle singen, aber keiner was hört

Die Sängerinnen und Sänger des Chores Cantamus sehen sich bei den Online-Proben, hören sich aber nicht.
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Die Sängerinnen und Sänger des Chores Cantamus sehen sich bei den Online-Proben, hören sich aber nicht. Trotzdem wird gemeinsam ein großes Werk einstudiert. Die Johannes-Passion soll, wenn es die Corona-Lage dann zulässt, im November aufgeführt werden.

Die Musik ist leise geworden. Verstummt ist sie nicht. Der Chor Cantamus probt virtuell. Doch wie klingt das?

Meinerzhagen/Kierspe - „Es funktioniert“, sagt Chorleiter Ben Köster und wagt mit seinem Chor online sogar ein anspruchsvolles Werk: die Johannes-Passion. Es sei eine große Umstellung, aber eine, die allen Beteiligten auch Zuversicht schenke, erzählt Ben Köster. Geprobt wird mit einem hoffnungsvollen Ziel: der Aufführung der Bach-Passion am 1. November in der Meinerzhagener Stadthalle.

Der Meinerzhagener Ben Köster übernahm vor fast genau einem Jahr die Leitung des Kiersper Chores. Mit der neuen Aufgabe begann fast zeitgleich auch die Corona-Pandemie. Fünf, sechs Präsenz-Proben habe es noch gegeben, dann – Shutdown. Die Kultur wurde ebenso ausgebremst wie das gesamte gesellschaftliche Leben. Und für Ben Köster und die Sängerinnen und Sänger des renommierten Chores reichte die Zeit kaum, um sich kennenzulernen. „Wir wurden sofort zurückgeworfen“, erinnert sich der 24-Jährige. Trotzdem sei es allen ziemlich schnell gelungen, sich zu arrangieren, resümiert Ben Köster. Die Proben per „Zoom“ bedeuteten zwar eine massive Einschränkung, seien eine Notlösung und auch etwas einseitig, aber sie sind besser als Stillstand und besser als Stille.

Nur der Chorleiter ist zu hören

Und doch ist es vergleichsweise ruhig, wenn mittwochs in der digitalen Video-Konferenz geprobt wird: „Man singt gemeinsam, aber man hört nichts voneinander“, berichtet Ben Köster. Er selbst hat sein Mikrofon nicht stummgeschaltet, sondern singt laut und für alle Teilnehmer hörbar am Klavier. Aus seiner Perspektive als Chorleiter hat er durchaus auch Vorteile der virtuellen Chorstunden entdeckt, denn mit einzelnen Stimmen könne er sogar sehr zielführend arbeiten. Um antizipieren zu können, wo es bei der musikalischen Umsetzung des Bach-Werkes Probleme geben könnte, helfe ihm auch sein Studium. Ben Köster ist Kirchenmusiker. Seit eineinhalb Jahren studiert er an der Musikhochschule Köln Orchesterdirigieren.

Der Chor Cantamus, der sich der sakralen Chormusik von Barock bis zur Gegenwart verschrieben hat, verbindet für ihn beide musikalische Richtungen.

Präsenz mit Abstand „schwieriger als Zoom“

Nach den Sommerferien stand das Thema Bindung auch bei den Proben im Mittelpunkt. „Wir hatten die Möglichkeit, in Präsenz zu proben.“ In der Sporthalle des Evangelischen Gymnasiums, mit vier Meter Abstand zwischen den einzelnen Sängern – „das war noch schwieriger als Zoom“, erinnert sich Ben Köster. Für die Chormitglieder sei es aber wichtig gewesen, sich sehen und hören zu können.

Eine Online-Chorprobe zu leiten sei dennoch um einiges anstrengender. Dass alle Beteiligten trotzdem ein anspruchsvolles Programm auf diese Weise einstudieren, gelinge dank der Leistungsstärke des Chores. „Wir können uns auf vieles verlassen, was in den letzten Jahren gelernt wurde“, ist Ben Köster froh. Trotzdem weiß auch der junge Dirigent, dass den Sängern das soziale Umfeld fehle. Woche für Woche stupide die einzelnen Töne zu proben, das sei schwierig und vielleicht auch der Grund, warum nicht alle Sänger an den Online-Proben teilnehmen. „Es gibt manche, die sagen, dass ihnen das gerade nichts bringt“, hat Ben Köster Verständnis und versucht zugleich, mit Vorträgen, beispielsweise über das Dirigieren, für etwas Abwechslung zu sorgen. „Das hilft später auch, damit der Chor den Dirigenten lesen kann.“

Instrumentalisten werden „zusammengefügt“

Chorgesang per Video-Meeting – es ist schwierig. Noch schwieriger seien jedoch die Proben mit Instrumenten. Als Kirchenmusiker der Evangelischen Kirchengemeinde Meinerzhagen leitet er den Posaunenchor der Gemeinde. Einzige Möglichkeit für die Gruppe: Jeder Musiker spielt seinen Part ein und es wird am Ende als ein Klangkörper zusammengefügt. Für den Weihnachtsgottesdienst habe man das beispielsweise gemacht. „Das tat gut und war inspirierend. Wir haben gezeigt: Uns gibt es noch.“

Die Orchestermusik, sie fehlt. Auch im Studium. „Normalerweise proben wir zehn Studenten des Fachs Orchesterdirigieren mit dem Südwestfälischen Philharmonieorchester. Die letzte Probe liegt ein Jahr zurück“, erzählt der Meinerzhagener. „Das ist so wie bei einem Fußballer ohne Fußball.“ Im Herbst habe er noch mit Kommilitonen proben können, seit Januar ist das nicht mehr möglich. „Es fühlt sich an, als ob man auf der Stelle tritt.“ Alleine spielen, Partiturstudien vertiefen – „auf Dauer ist es schwer, sich zu motivieren.“

Ohnehin: Beim Musikstudium gehe es weniger um den Abschluss: „Man studiert, um etwas zu lernen.“ Kapellmeister oder Kirchenmusiker – er wisse noch nicht, wohin sein Weg führen werde, sagt Ben Köster. Genauso wenig steht fest, wann er seinen Chor Cantamus wieder live dirigieren können wird. Im Augenblick bleibt nur die Zuversicht und die Hoffnung auf ein Konzert am 1. November.

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