Viele Chöre haben zu kämpfen

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Viele heimische Chöre würden sich über neue Mitglieder freuen. 

Meinerzhagen - Chorgesang hat eine lange Geschichte. Männerchöre, Frauenchöre und Kinderchöre – in Deutschland prägten sie ganze Epochen. Inzwischen droht einigen Chören allerdings das Aus. Nachwuchsmangel gibt es fast allerorten – auch in Meinerzhagen.

Offensichtlich gibt es eine Hemmschwelle, Chören beizutreten. Denn: Gemeinsam zu singen, das ist nach wie vor beliebt. 

Für eine (nicht repräsentative) „Standortbestimmung“ in Sachen Chorgesang befragte die MZ einige heimische Funktionäre und Sänger, die in Meinerzhagener Chören aktiv sind. 

Zwölf aktive Mitglieder zählen die Meinerzhagener Kohlbergspatzen zurzeit – das sind nicht viele. Und auf diese Zahl kommt der Chor auch nur durch einen „Kunstgriff“: Neben den Kindern, der ursprünglichen Zielgruppe, wurden auch die Mütter aktiviert, die Generationen singen nun Seite an Seite. „Der Nachwuchs fehlt uns sehr“, sagt Chorleiterin Rosel Neumann. Die Probleme sind so groß, dass die musikalische Leiterin sogar ans Aufhören gedacht hat. „Aber es macht weiterhin Spaß, und so haben wir entschieden, weiterzumachen“, berichtet Neumann, die ein wenig wehmütig in die Vergangenheit blickt: „1984 habe ich den Kinderchor mit gegründet. Damals hatten wir 100 Kinder, die mitgemacht haben. Wir mussten zeitweise sogar einen Aufnahmestopp verhängen. Diese Zeiten sind längst vorbei.“ Und wie lassen sich mehr Meinerzhagener für den Chorgesang begeistern? „Vielleicht müssen wir spezielle Angebote zum Reinschnuppern entwerfen. Außerdem haben wir englischsprachige Lieder in unser Repertoire aufgenommen. Das macht den Kids großen Spaß. Singen ist doch etwas Schönes, und man muss auch kein Instrument mitschleppen“, wirbt Rosel Neumann um neue Mitglieder. Dass das nicht einfach wird, weiß sie: „Kinder haben heute oft bis 16 Uhr Schule, treiben Sport und haben andere Hobbys.“ Geprobt wird bei den Kohlbergspatzen jeweils donnerstags im 14-tägigen Rhythmus. Das nächste Treffen findet am 23. Januar von 17 bis 18.30 Uhr im Vereinsraum an der Stadthalle statt. 

Eigentlich ist Anneliese Spehr vom Chor 70 relativ zufrieden. Die Vorsitzende berichtet von zurzeit 33 aktiven Sängerinnen und Sängern, die von Chorleiter Ingo Reich angeleitet werden. Allerdings: „Die meisten davon sind im Rentenalter. Und unser Bass beispielsweise ist 85 Jahre alt. Deshalb suchen wir neue Mitglieder, vor allem bei den Männerstimmen.“ In die Zukunft blickt Anneliese Spehr mit gemischten Gefühlen: „Es fehlen bei uns einfach die Jüngeren.“ In diesem Jahr feiert der Chor 70 das 50-jährige Bestehen. „Zwei Gründungsmitglieder, beide über 80 Jahre alt, sind noch dabei“, erläutert sie. Geprobt wird beim Chor 70 ebenfalls donnerstags, allerdings im wöchentlichen Rhythmus. Treffen ist dazu im Vereinsraum an der Stadthalle. 

Willi Huge ist Vorstandsmitglied beim gemischten Chor Westfalia Valbert. Er findet deutliche Worte für die augenblickliche Situation: „Man könnte fast sagen, dass wir eine gewisse Überalterung aufweisen. Wir haben 18 aktive Mitglieder, der Altersdurchschnitt unseres Chores liegt bei etwa 70 Jahren.“ Die Fehler für die Gewinnung von jüngerem „Nachwuchs“ sind laut Huge in den vergangenen 35 Jahren gemacht worden: „Da haben wir uns zu wenig um dieses Problem gekümmert.“ Er selbst habe noch während seiner Schulzeit viel gesungen. „Aber in der heutigen medialen Welt gibt es so viele andere Angebote“, sagt Huge. Ihm liegt am Herzen, dass altes Liedgut nicht verloren geht: „Neue Lieder sind zwar auch wichtig, aber auch die älteren dürfen nicht in Vergessenheit geraten.“ Chorleiterin bei Westfalia Valbert ist Astrid Höller-Hewitt. Sie bittet jeweils donnerstags ab 18.30 Uhr zur Probe in die katholische Kirche im Ebbedorf. Gesucht werden zurzeit besonders neue Tenöre. 

Etwa 40 aktive Sängerinnen und Sänger, das ist eine beachtliche Anzahl, über die sich Ulrich Müller vom Chor Mixt(o)ur freut. „Unsere Mitglieder umfassen die Altersspanne von Mittdreißigern bis zur Generation 60 plus“, sagt der Vorsitzende. Auch er macht allerdings keinen Hehl aus der Tatsache, dass die 20- bis 30-Jährigen momentan nicht für den Chor zu begeistern sind. Eventuell, so Müller, könne da künftig eine Kooperation mit heimischen Schulen helfen. „Wir achten schon darauf, dass wir Verstärkung bekommen. Und dazu wollen wir uns auch häufig in der Öffentlichkeit präsentieren. Sorgenfrei sind wir also nicht, das kann man als Chor heute kaum noch sein“, lautet Müllers Fazit. Ein Mittel, um Jüngere für Mixt(o)ur zu begeistern, sei sicherlich auch die Auswahl der Gesangsstücke: „Da haben wir auch modernere Pop, Rock und Musical-Stücke im Repertoire“, erläutert der Vorsitzende. Die Mixt(o)ur-Proben unter Leitung von Rosel Neumann finden dienstags ab 20 Uhr im Vereinsraum der Stadthalle statt. 

Reine Frauensache heißt der Chor, den Christoph Ohm leitet und in dem Angelika Wagner im Vorstand mitarbeitet. Beide freuen sich über 28 aktive Sängerinnen, doch einige mehr dürften es schon sein. Angelika Wagner: „35 bis 40 wären ideal. Schließlich gibt es immer die eine oder andere, die bei Auftritten ausfällt.“ Die „Altersmischung“ stimmt jedenfalls. „Bei uns singen Frauen im Alter zwischen Anfang 20 bis zu 80 Jahren“, erläutert Angelika Wagner, die allerdings auf der Suche nach Alt-Stimmen ist. „Wir bilden Sängerinnen auch selbst aus. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, wir singen nicht nach Noten und niemand muss bei uns einzeln vorsingen“, beschreibt Wagner das Anforderungsprofil. Geprobt wird bei Reine Frauensache donnerstags ab 20 Uhr im Musikraum des Schulzentrums Rothenstein.

Albert Essers ist seit Jahrzehnten Mitglied im Männerchor Meinerzhagen. Er kann durchaus beurteilen, wie sich der Klangkörper in dieser langen Zeit entwickelt hat. Im vergangenen Jahr feierte der heimische Chor 150-jähriges Bestehen – und Essers hofft, dass noch viele Jahre hinzukommen. Etwa 15 aktive Mitglieder hat der von Ralf Oßwald geleitete Männerchor derzeit. Unter ihnen, so Essers, sind durchaus auch einige jüngere Sänger. „Doch die meisten der Aktiven sind im Rentenalter“, bilanziert er. Neue Mitglieder würden hin und wieder gewonnen, das passiere dann häufig im persönlichen Gespräch. Dass der Männerchor Meinerzhagen mangels Nachwuchs einmal ganz aufgelöst werden muss, hofft Albert Essers nicht. Er ist zuversichtlich, dass zur positiven Entwicklung auch ein moderneres Programm beiträgt. „Teilweise haben wir jetzt auch englischsprachige Stücke einstudiert“, erläutert Essers. Generell, so bilanziert der begeisterte Sänger, gehe der Trend aber wohl immer mehr zu gemischten Chören – und ein solcher sei man halt nicht.

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