Chef des Literaturarchivs berichtet von Kostbarkeiten

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Ulrich Raulff hatte in der Stadthalle von allerlei literarischen Kostbarkeiten zu erzählen. ▪

Von Stefanie Schildchen - MEINERZHAGEN ▪ „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Dieser berühmte Satz ist der erste in Kafkas Roman „Der Prozess“ und schmückt als leicht lesbare Handschrift ein Blatt Papier, das zum Kostbarsten zählt, was das Literaturmuseum in Marbach derzeit an Ausstellungsstücken zu bieten hat. Und einer muss es wissen – Ulrich Raulff, kein geringerer als der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, derzeit zu Gast in Meinerzhagen. Am Montagabend stattete er seiner Geburtsstadt einen Besuch ab und referierte auf Einladung des Kulturvereins KuK im Versammlungsraum der Stadthalle. Über Hinterlassenschaften bedeutender Denker, über persönliche Briefe genialer Dichter, über Kunst und Alltagsgegenstände aus dem Leben großer Philosophen. Und über amüsante Randerscheinungen wie die Verfallseigenschaften von Tesafilm, mit dem das Gros der Schriftsteller die Manuskripte einst flickte, erweiterte oder gar mit getrockneten Blüten dekorierte.

Was also Franz Kafka einst mit Tinte auf schulheftgroße Seiten schrieb, lagert heute als edles Gut in besagtem Archiv und wird als lichtscheues Exponat in Vitrinen der Öffentlichkeit präsentiert. Und zählt zur Schatzkammer des Hauses, einem riesigen Fundus, vollgestopft mit Büchern, Notizen, Lebenszeugnissen namhafter Literaten.

Schillers Dramenplan – von Wallenstein bis Don Carlos – ist ebenso dort zu finden wie Paul Celans Gedichtzyklus „Sprachgitter“, Notizen Walter Benjamins zu seiner Berliner Kindheit oder Ernst Jüngers düstere Tuschezeichnungen in erstaunlich gut erhaltenen Kriegstagebüchern. Raulff und seine Mitarbeiter setzen auf den „hohen Schauwert“ von Manuskripten, die sogar wie im Falle Jünger mit Blumen beklebt oder wie der Pass von Siegfried Kracauer mit bunten Stempeln versehen sind. Die Besucher der Dauerausstellung kommen durchaus auf ihre Kosten, das Archiv wartet mit drei originalen Taufkleidchen von Thomas Mann auf, liebevoll arrangiert direkt neben den Totenmasken von Bertolt Brecht und Friedrich Nietzsche. Das macht den Reiz der Institution aus, man bekommt betagte Schreibmaschinen zu sehen, abgegriffene Diktiergeräte und Kritzeleien. Privates und Profanes mit Patina, mit dem man den Schriftstellern besonders nahe komme, weil es die menschliche Seite zeigt, sagt Raulff.

Rund 80 Gäste kamen am Montag in die Stadthalle, darunter vor allem Bücherfreunde und Weggefährten Raulffs. Und so wünschte er sich weniger „den Monolog hier vorne“, sondern mehr das Gespräch. „Zumal viele alte Freunde und Schulkollegen da sind – ein großes Glück.“

Er zeigte Bilder aus Marbach, von der Architektur des Literaturarchivs, vom Schiller-Nationalmuseum und vom Literaturmuseum der Moderne, das 2006 eröffnet wurde. Und nahm quasi die Besucher an die Hand zu einem Spaziergang durch die heiligen Hallen, vorbei an Zeugnissen literarischen Lebens, vorbei an den Dannecker-Büsten Schillers, vorbei am Bildnis Theodor Mommsens, des ersten deutschen Literatur-Nobelpreis-Trägers und vorbei an sage und schreibe 9000 grünen Umzugskartons. Darin die kompletten Verlagsarchive von Insel und Suhrkamp, für die Marbach im vergangenen Jahr den Zuschlag bekam. Die Bestände füllen große Lagerräume. „Nur wenig Luft ist dazwischen“, sagt Raulff. Und das liege an der hohen Ablagemoral Suhrkamps. „Nichts wurde weggeschmissen; und deshalb verfügen wir über jede Notiz und jeden Kontoauszug.“

Aber auch über meterweise Aktenordner, voller Korrespondenz beispielsweise zwischen Karl Siegfried Unseld, Verleger und Leiter des Suhrkamp Verlags, und Klassikern der deutschen Nachkriegsliteratur wie Enzensberger – absolute Liebhaberstücke für Literaturarchivare.

Ulrike Erlhöfer vom KuK-Vorstand hatte den prominenten Gast begrüßt und Raulffs neues Buch „Kreis ohne Meister“ über Stefan Georges Nachleben angekündigt. Für das Werk erhielt er in diesem Jahr den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse. Über die Entstehung dieser Biographie und die komplizierten Verflechtungen der Menschen um den Dichter George, auf die er bei seinen Recherchen stieß, plauderte er mit dem Publikum.

Und das ließ sich werben, Raulffs Wirkungsstätte am Neckar, das Literaturarchiv und die hochinteressanten Ausstellungen in den Museen auf der Schillerhöhe einmal selbst zu besuchen.

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